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27.01.2016

Hintergrund, Pflege, Politik & Wirtschaft

Pflegeheim Rating Report: Pflegesystem benötigt bis 2030 80 Milliarden Euro an Investitionen

Die Pflegeheime in Deutschland stehen derzeit wirtschaftlich gut da. Fast drei Viertel (72 Prozent) haben eine sehr gute Bonität und nur sieben Prozent eine erhöhte Insolvenzgefahr – bei den Krankenhäusern sind 16 Prozent stark insolvenzbedroht. Jedoch werden bis 2030 ein Drittel mehr Bürger pflegebedürftig sein und bis zu 321.000 stationäre Pflegeplätze zusätzlich benötigt. Das sind einige der Ergebnisse des Ende Dezember erschienenen „Pflegeheim Rating Reports 2015.“

„Unser Gesundheitssystem kann das starke Wachstum durch ein reines „weiter so“ nicht bewältigen. Wir benötigen jetzt Reformen, welche die Bedürfnisse der zu Pflegenden berücksichtigen, die Angehörigen nicht übermäßig belasten und den Kollaps, auch mit Hilfe von Technologien, langfristig vermeiden“, so Dr. med. Sebastian Krolop, Partner und Vice President Philips Healthcare HTS für Europa, Mittlerer Osten und Afrika und einer der Autoren des Pflegeheim Rating Reports, den das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), die Philips GmbH und das Institute for Health Care Business (hcb) GmbH gemeinsam erstellt haben.

Das analysierte Investitionsdefizit von ca. 80 Milliarden Euro wird laut Report fast ausschließlich für neue Pflegeheime benötigt. „Dies sind Investitionen, die in Beton und Bettgestelle fließen“, sagt Krolop. Im stationären und ambulanten Bereich arbeiten heute schon über 700.000 Vollkräfte, der Report hat einen zusätzlichen Bedarf von ca. 345.000 Vollkräften bis 2030 identifiziert. „Schon heute können viele Heime ihre Stellen nicht besetzen, die gemeldeten offenen Stellen befinden sich auf einem historischen Hoch – der Beruf scheint wenig attraktiv zu sein.“ Hier könnten Betreiber durch die Verbesserung der Work-Life-Balance und ein gutes Betriebsklima ansetzen, auch könnte die aktuelle Zuwanderung hilfreich sein, so der Report. Höhere Löhne würden wiederum das System zusätzlich belasten.

Auch die Entwicklung der Fallschwere hat die Studie untersucht. Es zeigt sich, dass der Anteil der leichten Pflegefälle (Pflegestufe 1) in den Heimen in den letzten 15 Jahren kontinuierlich um fast 25 Prozent gewachsen ist, während der Anteil der schwereren Fälle im gleichen Zeitraum um fast zehn Prozent zurückgegangen ist. Unverständlicherweise sei es in der Vergangenheit nicht gelungen, das ambulante Setting so zu gestalten, dass leichte Pflegefälle länger in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung bleiben könnten und nur die schweren Fälle in Heimen betreut werden müssten, so Krolop. Es scheine sogar, dass heute leichte Fälle schneller im Heim landen würden als noch vor zehn Jahren. Dramatisch zeige sich das an den Patienten, welche direkt aus dem Krankenhaus in ein Pflegeheim kommen: Waren dies 2003 noch rund 88.000 Patienten, waren es nur zehn Jahre später ca. 345.000. Rund 70 Prozent der Neuzugänge eines Pflegeheims kommen laut der Studie heute direkt aus dem Krankenhaus.

Die Vermutung der Autoren: durch die Umstellung auf das DRG-System ist es in den Krankenhäusern zu einer Art „Outsourcing von Pflege“ aus dem Krankenhaus in Richtung Pflegeheim gekommen. Während die mittlere Verweildauer in deutschen Krankenhäuser 2003 bei 8,9 Tagen lag, lag sie 2013 bei 7,5 Tagen. „Patienten werden also heute schneller verlegt, was zu begrüßen ist. Es stellt sich aber die Frage, ob die starke Zunahme der Verlegungen ins Pflegeheim im Sinne der Patienten ist und ob sie unter bestimmten Rahmenbedingungen nicht besser in ihrer häuslichen Umgebung betreut werden können“, sagt Krolop.

Netzwerke können helfen

Insgesamt erscheinen die gesellschaftlichen Herausforderungen so enorm, dass die Autoren ein Festhalten an der bisherigen Therapie „mehr Investitionen und mehr Personal“ für obsolet halten und neue Wege zur Vermeidung des Pflegekollapses empfehlen. So sollten in Zukunft die Bedürfnisse der zu Pflegenden im Mittelpunkt stehen – und somit die Stärkung von ambulanten Strukturen durch Technologie und Netzwerkbildung.

„Jedes Jahr werden über 125.000 Patienten der Pflegestufe 1 aus dem Krankenhaus ins Pflegeheim überwiesen. In den deutschen Pflegeheimen gibt es insgesamt über 300.000 Bewohner der Pflegestufe 1. Bei diesen Patienten steht oft der Wunsch nach medizinischer Überwachung im Vordergrund – nicht der pflegerische Aufwand. Pflegeheime sind aber für so ein Monitoring gar nicht ausgestattet oder vorgesehen“, so Krolop. Ein Großteil dieser Patienten könne durch medizinische Netzwerke und den Einsatz von smarter Technologie im eigenen Zuhause gepflegt werden. Durch eine Mischung aus ambulanter Pflege und Sensorik könne der Patient in der gewohnten Umgebung leben und Lebensqualität gewinnen. „Patienten, Ärzte und Angehörige haben verständlicherweise Sorge, dass bei der Pflege zu Hause Hilfe zu spät kommt – falls sich der Zustand des Patienten schnell verschlechtert und er nicht in der Lage ist, selbst Hilfe zu holen“, nimmt Sebastian Krolop Einwände vorweg und entgegnet: „Zwar wird im Pflegeheim mindestens ein Mal in der Früh-, Spät- und Nachtschicht nach dem Patienten geschaut – dann ist die Tür des Einzelzimmers erst mal wieder geschlossen.“ Die Sensorik im eigenen Heim – Armbänder für Vitalwerte und Sensorik in der Wohnung – würden den Patienten aber jede Sekunde überwachen und Notfälle sofort und automatisch an den Arzt melden. Ein Netzwerk zwischen behandelndem Arzt, ambulanter Pflege, Angehörigen und Patienten sei ein Szenario, dass weniger Investitionen erfordere und die Qualität der Versorgung hochhalte. „Wir können mit der Technologie nicht nur zeitnah auf eine Verschlechterung des Patienten reagieren, sondern sogar vorausschauend Komplikationen erkennen und vermeiden, da sich gesundheitliche Beschwerden meistens anbahnen und nicht so plötzlich eintreten wie ein Unfall“, so Krolop. Man müsse nicht darauf warten, dass sich der Zustand eines Patienten so massiv verschlechtere, dass er beispielsweise stürze – man könne die Verschlechterung im Vorfeld erkennen und rechtzeitig reagieren, zum Beispiel durch Anpassung der Medikation, den sofortigen Besuch des Pflegedienstes oder die Alarmierung des Rettungsdienstes.

Sven C. Preusker

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