Robert Bosch Stiftung präsentiert Zukunftsagenda „Für einen Neustart im Gesundheitssystem“

20.07.2021, Sven C. Preusker
Digital Health, Versorgungskonzepte

 

Um eine grundlegende Erneuerung des deutschen Gesundheitssystems anzustoßen, in dem die Corona-Pandemie zwar Schwachstellen offenbart, massiver Reformbedarf jedoch schon vorher bestanden habe, hat die Robert Bosch Stiftung jetzt ihre „Neustart! Zukunftsagenda – für Gesundheit, Partizipation und Gemeinwohl“ präsentiert. Rahmen der Präsentation war ein hybrider Gesundheitsgipfel am Berliner Standort der Stiftung. Die Vorschläge für das Papier sind in den vergangenen drei Jahren zusammen mit Bürgern und Experten aus Wissenschaft und Praxis erarbeitet worden. Sie zielen ab auf ein solidarisches, zukunftsfähiges und patientenorientiertes Gesundheitswesen.

Zugleich enthält das Grundsatzpapier Kritik am bisherigen Vorgehen der Politik. Das Gesundheitssystem sei eingemauert in Partikularinteressen und geradezu immun gegen Impulse für seine Weiterentwicklung, so die Analyse. Statt großer Weichenstellungen führe die Bearbeitung von Einzelfragen zu kleinteiligen, in manchen Bereichen selbst für Fachleute nicht mehr überschaubaren Regulierungen. „Die Pandemie sollte uns aufrütteln, die Schwächen unseres Gesundheitssystems ernst zu nehmen und eine Weiterentwicklung zu wagen. Unser Ziel ist eine Gesundheitsversorgung, die beim Einzelnen anfängt, in den Regionen verankert ist und im internationalen Vergleich Vorbildcharakter hat“, so Joachim Rogall, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung.

Mit dem Gesundheitsgipfel Mitte Juni widmete sich die Stiftung ausführlich den Ergebnissen der Neustart!-Initiative und hat dazu Experten aus Wissenschaft, Praxis und Politik zu Wort kommen lassen. Vorgestellt wurde u.a. ein Handlungskatalog zur Weiterentwicklung der Sozialgesetzgebung, der im Rahmen der Initiative erarbeitet wurde.

Das deutsche Gesundheitssystem sei zwar leistungsfähig bei der Bekämpfung von Krankheiten, jedoch nicht bei der Erhaltung und Förderung von Gesundheit, so eines der Ergebnisse der Agenda. Eine zentrale Empfehlung der Zukunftsagenda ist daher die radikale Neuausrichtung des Systems auf Prävention und soziale Gesundheit im Sinne einer vorsorgenden Gesundheitspolitik. Nur wenn Gesundheitsförderung und Prävention den gleichen Stellenwert erhalten würden wie die Behandlung könne ein Paradigmenwechsel von einem „Krankheitssystem“ zu einem echten Gesundheitssystem gelingen.

Die öffentliche Gesundheit hat durch die Corona-Pandemie einen neuen Stellenwert erlangt. Die Agenda rät dazu, die Verantwortung für öffentliche Gesundheit stärker bei Kreisen, Städten und Gemeinden anzusiedeln. Ein „Nationales Zentrum für öffentliche Gesundheit“ könne hier unterstützen und die Vernetzung aller Beteiligten koordinieren. Die Digitalisierung eröffne alle Chancen, Gesundheitsdaten zu generieren, um die Versorgung auf die spezifischen Bedürfnisse der Bevölkerung in den Regionen zuzuschneiden. Großes Potenzial sehen die Experten in Primärversorgungszentren. Diese würden Gesundheitsförderung und Behandlung verknüpfen, könnten den Haus- und Facharztmangel abfangen und außerdem Aufgaben von kleineren Krankenhäusern übernehmen, die in den kommenden Jahren schließen müssten.

Eine der Forderungen ist es, Community Health Nursing als neues Schlüsselprofil einer gestärkten Primärversorgung zu etablieren. International sei Community Health Nursing ein bewährtes Konzept. Für eine Stärkung der Primärversorgung in Deutschland sei die Etablierung von Community Health Nurses ein Schlüsselelement. Eine vollumfängliche Etablierung erfordere allerdings eine adäquate gesundheitspolitische Weichenstellung. Community Health Nurses müssten dafür als Leistungserbringer im SGB V genannt und etabliert werden. Durch ein neues heilberufliches Ausbildungsgesetz auf Bundesebene müsse der Anforderung an eine Qualifizierung zum Community Health Nursing auf Master-Niveau Rechnung getragen werden. Weiterhin müssten durch die Erlaubnis zur selbständigen Ausübung von Heilkunde für Community Health Nurses rechtliche Sicherheiten geschaffen werden. Langfristig müsse eine Überführung in die Regelversorgung für das Community Health Nursing angestrebt werden.

Auch die Stärkung der interprofessionellen Zusammenarbeit im Gesundheitswesen muss laut den Überlegungen der Stiftung verbindlich gestaltet werden. Eine gute Kooperation der Gesundheitsberufe, um bestmögliche Ergebnisse beim Patienten zu erreichen, werde immer wichtiger. In einem komplexen und zunehmend digitalisierten Versorgungsgeschehen müsse diese für alle Beteiligten selbstverständlich werden. Dazu nötig sei die feste Verankerung von interprofessionellen Lehr- und Lernkonzepten in der Aus- und Fort- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe, also in den Approbationsordnungen und im Gesundheitsberufegesetz. Rahmenbedingungen für eine Stärkung der interprofessionellen Kooperation müssten geschaffen werden, zum Beispiel für die gemeinsame Ausarbeitung von Behandlungs- und Therapieplänen. Für deren Ineinandergreifen sei zu sorgen, Methoden wie „Shared Decision Making“ sollten vermehrt eingesetzt werden, multiprofessionelle Fallkonferenzen müssten vergütet werden. Eine weitere Forderung: Vokabeln wie Delegation und Substitution sollten aufgeben werden – Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten der Gesundheitsberufe sollten im Hinblick auf ihren Beitrag im Versorgungsgeschehen neu geordnet werden, um das Potenzial aller Gesundheitsberufe bestmöglich ausschöpfen zu können.

Ein weiterer wichtiger Punkt der Agenda: den „Dauerpflegenotstand“ beenden und Potenziale der Pflegeberufe heben. Die momentane Situation beeinträchtige die Qualität der Gesundheitsversorgung und sei zugleich unwirtschaftlich, vor allem in einer zunehmend alternden Gesellschaft. Der bestehende Fachkräftemangel erfordere eine Kursänderung zu einer nachhaltigen Professionalisierung, um die breite Kompetenz der Pflegeberufe besser zu nutzen und weiterzuentwickeln. Dazu müsse die Akademisierung ernsthaft vorangetrieben werden. Nötig sei eine ausreichende Zahl von Studienplätzen, die eine Akademisierungsquote von 20 Prozent ermöglichen würden. Primärqualifizierende Studiengänge bräuchten außerdem eine Finanzierung der Praxisanteile. Erweiterte Aufgaben für die Pflege auf Grundlage internationaler Vorbilder sind laut der Agenda ein weiterer Baustein, vor allem im Bereich der Primärversorgung und in der Betreuung chronisch kranker Menschen. Der Erhalt und die Einrichtung von Pflegekammern sollten von den Verantwortlichen im Bund und in den Ländern unterstützt werden, zudem sollte die Pflege Stimmrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss erhalten, heißt es in der Agenda.

Bürger, Versicherte und Patienten sieht die Agenda als aktiven Teil des Gesundheitssystems. Um die bestmögliche Versorgung zu erhalten, müssten Menschen Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen und im Heilungsprozess mitwirken. Die Zukunftsagenda fordert daher mehr Investitionen in Gesundheitskompetenz und Partizipation. Wie das aussehen könnte, habe die Neustart!-Initiative vorgemacht: Ihren Kern bildeten Veranstaltungen mit fast 700 zufällig ausgewählte Bürgern aus ganz Deutschland und rund 40 gewählten Botschaftern, die ihre Anliegen in Bürger-Experten-Dialogen vertraten. Um mehr Mitbestimmung zu ermöglichen, sollten Bürger in die Planung und Gestaltung kommunaler und regionaler Gesundheitsversorgung einbezogen werden, zum Beispiel über Gesundheitskonferenzen, lautet eine Forderung der Agenda. Mehr Beteiligung brauche es auch in anderen Bereichen, beispielsweise in Bürger- oder Forschungsbeiräten.

Weitere Informationen zur Initiative „Neustart! Reformwerkstatt für das Gesundheitswesen“ hier.

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