3 Fragen an eine Yogalehrerin für Menschen mit Demenz: Natalie Stenzel

02.08.2021, Sarah Rondot
Interviews

Seit 2013 unterrichten Sie Yoga mit Senioren, insbesondere für Menschen mit Demenz.
Warum haben Sie angefangen, diese Gruppen zu unterrichten?
Wieso liegt Ihnen Yoga für dementiell veränderte Menschen am Herzen und was für Effekte hat Yoga hier?

Seit jeher habe ich mich zu älteren Menschen hingezogen gefühlt – sicherlich auch weil ich innerhalb einer Großfamilie in einem Dorf aufgewachsen bin. Meinen Urgroßvater und meine Urgroßtante hat man in den 70er Jahren als „nääwer de Kapp“ (pfälzisch) beschrieben. Sie waren dement. Meine Oma L. war mehrere Jahre schwerst dement und bettlägerig. Seit meiner Kindheit hatte ich also mit dementiell veränderten Menschen zu tun.
Und, nach meiner ersten Yogastunde im Seniorenheim vor vielen Jahren habe ich sofort gespürt: Das ist meine Berufung und mein Weg. Das Praktizieren von Yoga mit Menschen mit Demenz ist immer wieder eine Bereicherung für mich.
Mir liegen grundsätzlich alte Menschen am Herzen – ihre Geschichten, ihre Lebensgeschichte und ihre Weisheit. Mitmenschen mit Demenz sind ganz besondere Menschen und sind für mich ohnegleichen. Ich erkenne, dass ihre liebenswerten aber auch die brennenden Eigenschaften fest im Inneren verankert sind. Die Quelle von Yoga ist das Hier und das Jetzt und genau da befinden sich Mitmenschen mit Demenz. Eine wunderbare Kombination. Dadurch, dass ich mich auf Augenhöhe begebe, wird der Betroffene zu meinem/meiner Lehrmeister*in und gibt mir die Möglichkeit ihn und seine Erkrankung zu verstehen. Wir erleben die Annahme dessen was gerade ist – auf beiden Seiten.

Wo und wie halten Sie die Kurse ab?
Welche Resonanz bekommen sie, sowohl von den Teilnehmenden als auch den Pflegenden oder betreuenden Personen?


Seit vielen Jahren finden Sie mich mit Yoga für Senioren, Hochbetagte und Menschen mit Demenz in Seniorenzentren, Demenz WGs, Geriatrischen Stationen und Betreuungsgruppen der Alzheimer Gesellschaften.
Die Yogapraxis für Mitmenschen mit Demenz findet ausschließlich auf dem Stuhl in kleinen Gruppen in einer ruhigen Atmosphäre statt.
Die verbalen und non-verbalen Reaktionen von den Teilnehmenden sind überwiegend positiv. Ich beobachte zum Beispiel eine heitere Gelassenheit, weil das Erleben des eigenen Atems beruhigend wirkt oder körperliche Fähigkeiten wieder entdeckt werden, wie zum Beispiel ein Glas mit Wasser selbstständig zum Mund führen in unserer Trinkpause, was im Vorfeld nur mit Hilfe möglich war. Unabhängig davon bin ich auch immer im Austausch mit der Einrichtungsleitung, den dortigen Sozialpädagogen und Betreuungsassistenten, um Informationen über den individuellen Gemütszustand zu erfahren. Es wird mir bestätigt, dass anhaltende, ausgeglichene Gefühlsstimmungen bemerkbar sind und eine entspanntere Körperhaltung nach der Yogastunde beobachtet wird.

Kann man mit Yoga auch noch im höheren Alter beginnen? Welche Herausforderungen gibt es im Yoga für Senioren und insbesondere für Menschen mit Demenz?

Diese Frage höre ich oft. Zunächst einmal spielen Alter, Erkrankung, Hintergrund überhaupt keine Rolle. Leider hat sich das Bild von Yoga über die Jahre sehr verändert und sich mehr zu einem Body-Workout etabliert. Yoga ist eigentlich ein Überbegriff für körperliche und geistige Übungstechniken, die an den Praktizierenden angepasst werden können. Meine Yogaausrichtung ist kreativ, liebevoll und wohltuend auf eine behutsame Weise.
Immens wichtig ist die Zuwendung zum Einzelnen. Ich bin stets bei den Teilnehmenden, stehe also nicht distanziert vorne. Ich begleite Übende im gegenwärtigen Augenblick auf eine freudige, herzige, authentische und mitfühlende Weise statt zum Beispiel den Fokus auf eine exakte Ausführung der Haltungsausrichtung zu legen. Yoga darf nicht nur auf den Aktionismus von Körperübungen reduziert werden, sondern sollte weitere Elemente wie beispielsweise Atempraxis und Entspannung einfließen lassen. Wir praktizieren miteinander, nehmen aufkommende Gefühle wahr und geben diesen Raum – auch wenn es mal Traurigkeit ist. Darüber hinaus setze ich mich mit dem biografischen Rucksack dieser Generation auseinander.

Natalie Stenzel hat BWL mit Schwerpunkt Tourismus studiert und Expeditionen in Ostafrika und im Sultanat Oman geleitet. Darüber hinaus hat sie ein Reiseunternehmen in Großbritannien gegründet und jahrelang geleitet.
Heute ist ihre Berufung Yoga für Mitmenschen mit Demenz und in der Palliative Care. Sie ist seit Jahren als Dozentin für ihr Konzept Yoga kennt keine Demenz® unterwegs und schreibt gerne Fachartikel.

www.kijanayoga.de

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