Drei Fragen an die Expertin für Sexualität im Alter Gabriele Paulsen

01.09.2021, Sarah Rondot
Alternsforschung, Interviews

Sie sind ehemalige Krankenschwester und klären nun über Sexualität und Zärtlichkeit im Alter auf. An wen richtet sich Ihre Aufklärung? Haben Menschen Ihrer Meinung nach ein Leben lang ein Bedürfnis nach Sexualität?
Aufklärung ist nicht nötig, denke ich – wir wissen alle, wie wichtig Körperkontakt und Berührung für jeden von uns ist. Vor allem gleichberechtigt auf Augenhöhe, also nicht wie in der Pflege. Dort finden wir ein Abhängigkeitsverhältnis vor, nämlich eine(n) Unterstützungsgeber*in und eine(n) Pflegeempfänger*in und natürlich geht dieses Bedürfnis im Altern nicht verloren und doch kann die Sexualität oder der Wunsch nach Erotik eine andere Form annehmen, als in jungen Jahren.

Wie schätzen Sie den Umgang unserer Gesellschaft mit Sexualität im Alter ein? Ist es möglich, Wünsche nach Zärtlichkeit zu leben, wenn man in einem Pflegeheim wohnt oder immobil ist? Und was hat das Ihrer Erfahrung nach für Auswirkungen, wenn solche Bedürfnisse nicht erfüllt werden?
Alterssexualität ist nicht sexy und sehr schambehaftet. Um diesen Wunsch nach Zärtlichkeit offen kundzutun, braucht es viel Mut und Selbstbewusstsein. Auch die eigene sexuelle Sozialisation hat Auswirkungen auf mein Verhalten und Handeln im Alter. Auch die Auswirkungen unerfüllter Bedürfnisse sind daher ganz unterschiedlich. Das Pflegepersonal steht „neuen“ Begegnungen in der Einrichtung meist sehr aufgeschlossen gegenüber, weil sie wissen, dass Verliebtsein die beste Motivation und auch Mobilitätsförderung ist. Doch oft mischen sich dann Zu- oder Angehörige ein, weil es schwerfällt die Mutter oder den Vater in einer neuen Beziehung zu sehen. Ich denke jedoch, dass allein sein uns schwermütig macht. In einer Senioreneinrichtung fehlen nach meiner Erfahrung oft Räume der Zweisamkeit. Es gibt schmale Betten geschlechtergleiche Doppelzimmer und auch Störungen zu jeder Tages- und Nachtzeit sind nicht ausgeschlossen – das ist schade.


Wie würden Sie sich den Umgang mit Zärtlichkeit und Sexualität im Alter wünschen und wie sehen Sie den Stellenwert dieses Themas in Zukunft? Haben Sie in ihrer Arbeit auch schon humorvolle Situationen mit dem Thema Sexualität im Alter erlebt?
Ich wünsche mir mehr Gelassenheit und einen höheren Stellenwert des Themas Sinn- und Sinnlichkeit im Alter. Es braucht institutionelle Konzepte zur Enttabuisierung und natürlich auch Abgrenzung zur Dienstleistung Pflege. Und ja – Humor spielt eine wichtige Rolle, denn Lachen ist gesund. Das fängt schon bei den kleinen Dingen an – ein schlüpfriger Witz unter Männern oder das Schwärmen vom ersten Kuss unter Frauen. Ich musste einmal sehr lachen, als eine Bewohnerin sagte, sie sei die ewigen Tier- oder Blumenfilme im Gemeinschaftsraum leid – Vom Winde verweht oder Omar Sharif in Dr. Schiwago würden ihr und ihren Freundinnen viel besser gefallen.

 

Gabriele Paulsen ist ehemalige Krankenschwester und Qualitätsmanagerin in der Pflege. Mit ihrer Erfahrung hat sie sich dem Thema der Sexualität im Alter gewidmet. Mit der Gründung des Sexualbegleitungs-Services „Nessita“ hat sie ein Unternehmen gegründet, was die Aufklärung über körperliche Nähe und selbstbestimmte, sinnliche Intimität von Senioren und immobilen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Des Weiteren leitet sie Seminare und Workshops zum Thema Beziehungsgestaltung im Alter und Gewaltprävention für alle an der Pflege Beteiligten.

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