Deutscher Pflegetag: Pioniergeist bei Pflegereform gefordert

19.10.2021, Sven C. Preusker
Hintergrund, Politik & Wirtschaft, Pflege

Der diesjährige Deutsche Pflegetag diente, auch bedingt durch sein Austragungsdatum, als eine Art Bestandsaufnahme zur Pflegepolitik der scheidenden Bundesregierung – und als Bühne für Forderungen an eine neue Koalition. Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR) sagte anlässlich der Eröffnung der Veranstaltung: „Die 20er Jahre müssen die Jahre der Pflege sein und die anstehenden Koalitionsverhandlungen müssen die Profession Pflege in den Mittelpunkt stellen.“ Sie verwies dabei auf vier Kernforderungen des DPR, die dieser in einem Papier formuliert hat. Pflegepersonalmangel und Klimawandel hätten Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung – deshalb müsse man sich beiden Aufgaben gemeinsam und gleichzeitig stellen. Außerdem müssten bessere Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen geschaffen werden, das bedeute mehr Personal. Weiterhin seien erweiterte Kompetenzen für Pflegende und eine die Selbstverwaltung für die Profession Pflege nötig. „Es gilt, den bereits eingetretenen Pflegenotstand zu verlangsamen und diesem mit den richtigen Maßnahmen entgegenzutreten – bevor es für eine qualifizierte pflegerische Versorgung in unserem Land zu spät ist,“ so Vogler.

Kneppe: Pioniergeist gefordert!

Auch Helmut Kneppe, Vorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), appellierte zum Auftakt des Deutschen Pflegetages an den Pioniergeist der neuen Bundesregierung: „Wir brauchen mehr Pioniergeist und Kreativität bei der Reform der Pflege. Das Thema Pflege hat im Wahlkampf eine gegenüber anderen Themen untergeordnete Rolle gespielt.“ Tatsächlich sei die Frage, wie wir im Alter leben und eine menschenwürdige Pflege gestalten möchten jedoch eine Grundanforderung der alternden Gesellschaft. „Wir sollten im Umgang mit dieser Frage sehr viel positiver und einfallsreicher über Gestaltungsmöglichkeiten nachdenken“, schlug Kneppe vor und forderte: „Kommen wir endlich weg vom Gedanken der Kasernierung, wenn jemand hilfebedürftig wird, und schaffen wir Möglichkeiten, damit ältere Menschen in jeder Lebenssituation möglichst lange teilhaben können.“

Das erfordere Angebote etwa beim Wohnen, bei der Mobilität, bei der digitalen Kommunikation und natürlich für die Versorgungssicherheit, sagte Kneppe. Er verwies dabei ausdrücklich auf das positive Umfrage-Ergebnis zur Hilfsbereitschaft junger Menschen im Rahmen des aktuellen DAK-Pflegereports. Die Studie, die von Prof. Dr. Thomas Klie, Mitglied im Kuratorium des KDA, geleitet wurde, beinhaltet eine Umfrage, die ergab, dass grundsätzlich zwei Drittel der 16- bis 39-Jährigen bereit sind, Angehörige zu pflegen. „Die Bereitschaft, Pflegetätigkeiten zu übernehmen, wird von jungen Menschen nicht primär als moralische Pflicht gesehen“, erklärte Klie, Leiter des Zentrums für zivilgesellschaftliche Entwicklung (zze) und des Instituts für angewandte Sozialforschung „Alter.Gesellschaft.Partizipation“ (AGP) an der Evangelischen Hochschule Freiburg. „Wir beobachten vielmehr eine Generationenverbundenheit mit einer hohen Qualität. Die Kinder und Enkelkinder übernehmen Verantwortung, auch wenn es um Pflege geht und lassen ihre Eltern, Geschwister und Großeltern nicht allein, wenn sie sich mit ihnen eng verbunden fühlen.“

Große Bereitschaft zur Angehörigenpflege – aber keine moralische Verpflichtung

Laut Pflegestatistik des Statistischen Bundesamts wurden Ende 2019 von den 4,1 Millionen Menschen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung erhielten, 80 Prozent zu Hause gepflegt. Angehörige spielen dabei eine entscheidende Rolle. Laut des DAK-Reports ist Pflege für knapp ein Drittel der jungen Menschen ein Alltagsthema. 29 Prozent der 16- bis 39-Jährigen haben Familienangehörige, die auf Pflege oder Hilfe im Alltag angewiesen sind. Bei den über 40-Jährigen sind dies nur zwölf Prozent. Grundsätzlich sind laut der Umfrageergebnisse zwei Drittel der 16- bis 39-Jährigen bereit, Angehörige zu pflegen. Von den Befragten, die bereits zu Hause pflegen, würden sogar 84 Prozent eine erneute Pflegetätigkeit aufnehmen. Eine moralische Verpflichtung zur Pflege von Angehörigen sehen dabei weniger als die Hälfte der unter 40-Jährigen (41 Prozent). 29 Prozent sind der Ansicht, dass es keine Verpflichtung gäbe, dass Kinder ihre Eltern pflegen sollten. 30 Prozent sind in dieser Frage unentschieden.

Kneppe hofft mit Blick auf die Ergebnisse des Reports auf eine wertschätzende Unterstützung durch die Politik: „Diese Hilfsbereitschaft – ja, vielleicht sogar Haltung oder Kultur der jungen Menschen unserer Republik – braucht Förderung und Schutz durch die Politik.“ Der Vorsitzende des KDA sieht in diesem Zusammenhang auch bei den älteren Menschen einen „großen Schatz“, den die Politik noch nicht gehoben habe: „Alter bedeutet nicht immer Gebrechlichkeit. Wir sollten die Potenziale des Alters sehen und die Lust an Teilhabe der nicht mehr berufstätigen Menschen viel stärker erkennen und einbinden. Sehr viele ältere Menschen möchten sich engagieren. Sie sehen und verstehen sich auf der Grundlage Ihrer Lebenserfahrung sehr viel mehr als wichtige Partner und Begleiter, insbesondere auch der jungen Menschen in der gemeinsamen Aufgabe der Gestaltung ihrer Zukunft.“ Insgesamt „sollten wir mutig kreativere Gesellschaftsbilder denken, Jung und Alt stärker verzahnen und unsere Umgebung so gestalten, dass sie Möglichkeiten schafft, wo heute Hindernisse dazu führen, dass Freiheit eingeschränkt wird. Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe,“ so Kneppe.

Im Sondierungspapier von SPD, Grünen und FDP heißt es zum Thema Pflege: „Wir wollen eine Offensive für mehr Pflegepersonal. Hochwertige Pflege gibt es nur mit gut ausgebildeten Pflegekräften, guten Arbeitsbedingungen und angemessenen Löhnen in der Pflege. Wir wollen mehr qualifizierte ausländische Pflegekräfte gewinnen und die nötigen Voraussetzungen dafür schaffen. Pflegerinnen und Pfleger sollen mehr Zeit für ihre eigentliche Tätigkeit mit den Patientinnen und Patienten haben. Das wollen wir durch Entbürokratisierung, die Nutzung digitaler Potentiale und klare bundeseinheitliche Vorgaben bei der Personalbemessung gewährleisten.“ – es bleibt abzuwarten, was in einem möglichen Koalitionsvertrag davon zum Tragen kommt.

Anzeige
Anzeige