Dr. Klapper: Gratifikationsschein kann Nachteile abmildern

22.03.2022, Sven C. Preusker
Interviews, Pflege, Politik & Wirtschaft

medhochzwei sprach mit Dr. Bernadette Klapper, seit Oktober 2021 Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). Zuvor war sie Bereichsleiterin Gesundheit der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. Die Fragen stellte KMi-Chefradakteur Sven C. Preusker.

medhochzwei: Frau Dr. Klapper, der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) schlägt vor, einen Gratifikationsschein für Pflegeberufe einzuführen – welche spezifischen Probleme der professionell Pflegenden sollen damit gelöst werden?

Dr. Bernadette Klapper: Es geht uns vor allem darum, langjährige Arbeitsbelastungen abzufangen und damit den Verbleib im Pflegeberuf zu fördern. Denn wir haben vergleichsweise hohe Krankheitsraten und Frühberentungen. Die Nachteile, die für die Pflegepersonen daraus entstehen, kann der Gratifikationsschein abmildern.

mhz: Scheinbar unabwendbar gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen auf der einen und der wachsende Mangel an professionell Pflegenden auf der anderen Seite stellen ein großes Dilemma dar – welche Schritte außer dem PBGS könnten helfen, es zu lösen?

Dr. Klapper: Gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen sind nicht unabwendbar. Hier kann – je nach spezifischer Ursache – viel Abhilfe geschaffen werden. Ein einfaches Beispiel aus der Geschichte ist ja eine schrittweise Reduktion der Wochenarbeitszeit seit dem 19. Jahrhundert. Heute können wir weiter daran arbeiten, wie etwa mit besseren Programmen der Gesundheitsförderung oder mit Einsatz von neuen Technologien. Moralischer Druck, den professionell-ethischen Standards nicht zu genügen, erhöht oft den schon vorhandenen zeitlichen Stress. Hier brauchen wir noch geeignete Maßnahmen.

mhz: Pflegekräfte aus dem Ausland zu holen wurde von verschiedenen Seiten als ein Lösungsweg für den Pflegepersonalmangel gesehen, jetzt springt manch ein Politiker angesichts der Flüchtenden aus der Ukraine wieder auf diesen Zug auf – wie steht der DBfK dazu?

Dr. Klapper: Der International Council of Nurses hat unlängst eine Studie veröffentlicht, die einen anzunehmenden Personalmangel von etwa elf Millionen Pflegenden weltweit nach der Pandemie ausweist. Vor allem ärmere Länder sind betroffen. Rekrutierungen im Ausland im großen Stil sind daher problembehaftet, auch wenn uns die einzelnen Kolleginnen und Kollegen sehr willkommen sind. In allen Ländern, und damit auch in Deutschland, muss in Pflege und in Bildung investiert werden, um den Beruf attraktiv zu machen.
Die Menschen, die gerade vor dem Krieg aus der Ukraine bei uns Schutz suchen, müssen jetzt vor allem darin unterstützt werden, hier einen sicheren Ort finden zu können. Sie in dieser Situation als erstes als Mittel zur Lösung unseres jahrzehntelang bestehenden Personalmangels in der Pflege zu betrachten, ist aus unserer Sicht abzulehnen. Wenn es Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine unter den Schutzsuchenden gibt, sollte ihnen der Weg in ihren Beruf natürlich offen stehen – sofern sie von sich aus als Pflegefachpersonen in Deutschland arbeiten wollen.

mhz: Was muss die Politik jetzt schnell tun, um die drängendsten Probleme der Pflege anzugehen?

Dr. Klapper: Es gibt jetzt nicht mehr „die drängendsten Probleme“. Dieses Vorgehen hat in die Versäumnisse der vergangenen Jahre und Jahrzehnte und zu spürbarer Berufsflucht geführt. Es muss jetzt ein ganzes Bündel an Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, um die Menschen im Pflegeberuf zu halten und neue Menschen zu gewinnen. Es muss um die Verbesserungen von Vergütung und Arbeitsbedingungen gehen, ebenso wie um ein konsistentes und ineinandergreifendes Bildungskonzept – von der Pflegeassistenz bis zum Masterabschluss. Den Pflegeberufen muss mehr Vertrauen geschenkt und die Erweiterung in neuen Rollen ermöglicht werden. Selbstbestimmung und Wege der Mitgestaltung in der Gesundheitsversorgung müssen gestärkt werden.

mhz: Danke für das Gespräch!

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