Runder Tisch soll Initiativen und Vorarbeiten zum Community Health Nursing bündeln

27.07.2022, Sven C. Preusker
Hintergrund, Versorgungskonzepte, Pflege, Politik & Wirtschaft, Recht

Der Deutsche Pflegerat e.V. (DPR) hat für alle seine Mitgliedsverbände einen Runden Tisch zum „Community Health Nursing“ (CHN) eingerichtet und ein gemeinsames Positionspapier zum Thema veröffentlicht. Aufgabe des Runden Tischs sei es, bestehende Initiativen und Vorarbeiten zum Community Health Nursing zu bündeln und dieses Projekt konstruktiv und erfolgreich bei der Umsetzung zu begleiten, so Christine Vogler, Präsidentin des DPR.

Das Positionspapier enthält Standpunkte zur Qualifikation, zum Tätigkeitsprofil und zu den Voraussetzungen zur Einführung des Berufsbildes der Community Health Nurse in Deutschland. Damit werde die politische Intention aus dem Koalitionsvertrag der Ampel unterstützt, das Berufsbild der Community Health Nurse in Deutschland flächendeckend einzuführen. Im Ausland, beispielsweise in Kanada, Finnland, dem Vereinigten Königreich oder Slowenien ist ihr Einsatz schon lange üblich. Qualifizierte Pflegefachpersonen wirken dabei als Community Health Nurses in der primären Gesundheitsversorgung, der Gesundheitsförderung und der Prävention mit, die sie steuern, koordinieren, beraten, überwachen und leiten. Ihre Aufgaben würden dabei, so der DPR, weit über den in Deutschland üblichen Arztbesuch hinausgehen. Es gebe Angebote in der gesundheitlichen Bewältigung des Alltags für Menschen mit Behinderung, Pflegebedürftige, demenziell Erkrankte, chronisch oder mehrfach Erkrankte zu Selbsthilfegruppen für werdende Eltern, Familien, Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Mobilitätseingeschränkte. Community Health Nurses könnten so direkt bei den Menschen vor Ort in deren Häuslichkeit erste Ansprechpartnerinnen und -partner bei chronischen oder Mehrfacherkrankungen, bei einer Behinderung oder bei einem Pflegebedarf sein, schreibt der DPR. Damit könnten sie eine Schlüsselposition in der Gesundheitsversorgung einnehmen, an der es in Deutschland bisher dringend fehle.

„Community Health Nurses sind ein wichtiger Brückenpfeiler. Mit ihrer Hilfe kann die medizinische und pflegerische Versorgung in Deutschland stabilisiert, entlastet und ausgebaut werden. Denn die Community Health Nurses erkennen frühzeitig den Bedarf notwendiger medizinischer und pflegerischer Leistungen und reagieren darauf. Das kann dazu führen, dass schwerere Fälle in der Gesundheitsversorgung erst gar nicht entstehen“, betonte DPR-Präsidentin Vogler.

CHN sind in Deutschland allerdings noch nicht bzw. nur zum Teil gegeben. Um das volle Potenzial der Community Health Nurses auszuschöpfen, brauche es eine Ausweitung der Kompetenzbereiche der Pflegefachpersonen und Möglichkeiten für deren eigenverantwortliches Handeln, so der DPR. Den Community Health Nurses müssten heilkundliche Aufgaben übertragen werden. 

Unter anderem auf diese Frage der Übertragung heilkundlicher Aufgaben gehen Dr. iur. Martin Burgi und Dr. iur. Gerhard Igl in ihrem Beitrag „Community Health Nursing – Wege für eine Etablierung in Deutschland“ im von Dr. Helmut Hildebrandt und Rolf Stuppardt im medhochzwei Verlag herausgegebenen Buch „Zukunft Gesundheit – regional, vernetzt, patientenorientiert“ ein. Die Autoren schreiben dort: „Ein zentraler Punkt der gesundheitlichen Versorgung im Rahmen von CHN ist, ob und inwieweit Personen, die im Rahmen eines CHN tätig sind, Aufgaben der primärmedizinischen Versorgung selbstständig durchführen dürfen, die nach gegenwärtiger Rechtslage Ärzten vorbehalten sind. [...] Obwohl schon nach gegenwärtiger Rechtslage begrenzte Lösungen möglich sind, gilt es, für eine dauerhafte Etablierung von CHN ein bundesweit tragfähiges Konzept zu entwickeln. Aus diesem Grunde geht es für die Zukunft darum, insbesondere in den genannten Punkten, aber auch im Recht der gesetzlichen Krankenversicherung, die entsprechenden rechtlichen Vorkehrungen zu treffen, um CHN als eine weitere Form der gesundheitlichen Versorgung zu etablieren. Das bedeutet insbesondere,
• den Vorbehalt der selbstständigen Ausübung von Heilkunde in bestimmten Bereichen zu modifizieren,
• eigenständige institutionelle und organisatorische Gestaltungen zu ermöglichen und
• die Berechtigung, Leistungserbringer zu sein, neu zu strukturieren.“

Kritik von Seiten der Kassenärzte

Das Positionspapier des DPR hat postwendend zu Kritik von Seiten der Ärzteschaft in Form des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) geführt. Dessen Vorstandsvorsitzender, Dr. Dominik von Stillfried, sagte, der Pflegerat gehe in seinem Positionspapier von falschen Prämissen aus. Er verkenne damit die Leistung der Hausarztpraxen in der Primärversorgung. Diese hätten beispielsweise im vierten Quartal 2021 mit mehr als 57,6 Millionen Patientinnen und Patienten nahezu 80 Prozent aller gesetzlich Versicherten betreut. Mit mehr als 12.000 besonders qualifizierten nichtärztlichen Praxisassistentinnen und -assistenten (NÄPAs) und Versorgungsassistentinnen und -assistenten in der Hausarztpraxis (VERAHs) hätten die Hausarztpraxen außerdem bereits nahezu flächendeckend eine aufsuchende Versorgungsstruktur geschaffen, die insbesondere der Betreuung chronisch Kranker und immobiler Patientinnen und Patienten diene und in anderen Ländern zum Beispiel durch Community Health Nurses wahrgenommen werde.

Stillfried sieht einen Vorteil in diesen etablierten Strukturen darin, dass durch die Praxiseinbindung Schnittstellen zur ärztlichen Versorgung minimiert würden. „Daher sind die Vergleiche mit Finnland, Kanada und Slowenien irreführend.“ Zudem würden diese Länder gemäß Daten der OECD eine wesentlich geringere Arztdichte als Deutschland aufweisen. „Sollten in Teilen Deutschlands künftig Arztsitze nicht mehr besetzt werden können, ist die Community Health Nurse auch kein Ersatz.“ Richtig sei vielmehr, jetzt die berufsbegleitende Ausbildung, z. B. Physician Assistants, in der ambulanten Versorgung zu fördern, die dann integriert in die Praxisstrukturen mögliche Versorgungslücken ausgleichen könnten. „Anstatt neue und letztlich teure Versorgungsschnittstellen zu etablieren, sollte die Politik die Rahmenbedingungen für Arztpraxen verbessern, damit VERAH/NÄPA und perspektivisch auch Physician Assistants noch stärker gefördert und eingebunden werden können.“ 

Burgi und Igl schließen ihren Beitrag wie folgt: „Das deutsche Gesundheitswesen ist stark segmentiert. Die klassischen Strukturen und Prozesse sind insbesondere im Zusammenhang der Verhinderung, Erleichterung und Behandlung chronischer Erkrankungen zu wenig durchlässig und zu wenig personen- bzw. patientenorientiert. Derartige Defizite können mit CHN zum Teil gut kompensiert werden. Es ist daher gesundheitsversorgungspolitisch sinnvoll, Rahmenbedingungen zu schaffen, die einer derartigen Form vernetzter und interprofessioneller Steuerung von Gesundheit, Krankheit und Beeinträchtigung praktisch mehr Geltung verleihen kann.“

 

Dieser Artikel stammt aus dem medhochzwei Newsletter 14-2022. Jetzt abonnieren und keine wichtigen News aus der Branche mehr verpassen!

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