Anlässlich des Weltalzheimertags: 3 Fragen an den Cartoonisten Peter Gaymann und den Gerontologen Prof. Dr. Thomas Klie

21.09.2022, Dr. Stefan Arend, ProAlter
Aktuelles aus dem Verlag, Interviews, Demenz


Foto: Viktoria Steinbiß-Gaymann | Prof. Dr. Thomas Klie & Peter Gaymann

 

Was für ein interessantes Gespann: Der berühmte und vielgedruckte Cartoonist Peter Gaymann und der einflussreiche Jurist, Gerontologe und Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Klie – sie beide erschaffen in einer kongenialen Zusammenarbeit den Demensch-Kalender, nunmehr in der 11. Auflage. Humor, Witz und Demenz. Wie geht das zusammen? Ist Demenz lustig?

Eine Demenzerkrankung ist eine ernste Sache. Keiner von uns wünscht sich, an einer der vielen Formen der Demenz zu erkranken. Die Diagnose Demenz verändert das Leben grundlegend. Wir wissen inzwischen – und erleben es: auch Menschen mit Demenz können Glück erleben. Dazu müssen aber die Lebensbedingungen stimmen. Neue Wohn-, Pflege- und Versorgungskonzepte weisen den Weg in einen menschenfreundlichen Umgang – ohne Zwang, ohne Demütigungen. Aber auch sie ändern nichts daran: ein Leben mit Demenz ist für die Betroffenen selbst und für die An- und Zugehörigen mit großen Herausforderungen verbunden – oft mit Überforderung, mit Verzweiflung, mit Traurigkeit. Mit Humor tun wir uns, so er uns gegeben ist, leichter mit dem schwer Erträglichen, das mit Demenz verbunden ist, zu leben. André Francois Chaval sagte: „Humor ist die Höflichkeit der Verzweiflung.
Mit Humor als Haltung und Lebensform ist eine Einstellung verbunden, die die Unzulänglichkeiten des Daseins durchschaut – und in einem liebevollen Verstehen über das Leben stellt. Im Humor erträgt der Mensch ein bisweilen unerträgliches Wie, ggf. auch ohne Warum. Das Schmunzeln und das Lachen, das beim Betrachten der Cartoons entsteht, es entspricht häufig dem Bild vom Lachen als weinender Weisheit: „Das sind wir, die da stolpern; die nicht (mehr) gut ausgerüstet sind für das Leben.“ Wir sind es, die in Menschen mit Demenz unserer eigenen Verletzlichkeit und Vergesslichkeit sowie unserer eigenen Unvollkommenheit begegnen. Im Humor halten wir uns den zum Teil leidvollen Ernst des Lebens nicht vom Leib, sondern nehmen ihn an. So verstehen wir beiden die Cartoons.
Nein: Demenz ist nicht lustig. Wir dürfen uns keinesfalls über Menschen mit Demenz lustig machen.

 

 

Welche Themen greifen Sie im Kalender 2023 auf? Was bewegt Sie zurzeit besonders zum Thema Demenz?
In einigen Motiven haben wir für uns aktuelle Themen aufgegriffen: Die 24-Stunden-Pflege, Corona, der Ukraine-Krieg. Andere entstanden während des letzten Jahres: Beobachtungen im eigenen Umfeld, Erlebnisse, die uns erzählt werden, komische Situationen, spontane Einfälle:
Sie bieten auch dieses Jahr wieder einen reichhaltigen Fundus für die Cartoons im DEMENSCH-Kalender.

Ein heilsames Elixier gegen die verschiedenen Formen von Demenz oder die Pille gegen Alzheimer sind (bisher) noch nicht erfunden! Welche Ratschläge haben Sie insbesondere für die Angehörigen und Vertrauenspersonen von Menschen, die von Demenz betroffen sind?
Demenz nicht (nur) als „Schicksal“, sondern auch als „Gestaltsal“ zu begreifen, das scheint uns wichtig. Denken Sie auch an sich, Ihre Bedürfnisse! Fokussieren Sie nicht alles auf Ihren an Demenz erkrankten Angehörigen. Tauschen Sie sich mit Menschen mit Demenz und Ihren Angehörigen aus – sei es in Alzheimer-Gesellschaften oder anderen Selbsthilfegruppen! Teilen Sie die Verantwortung für die alltägliche Sorge mit Freunden, mit Angehörigen! Beziehen Sie, soweit vorhanden, Ehrenamtliche ein und nutzen Sie auch die professionellen Angebote!
Ein wichtiger Resilienzfaktor für pflegende Angehörige ist Humor. Gemeinsam lachen, über das, was als Peinlichkeit empfunden werden kann, was einem misslingt, was schiefgeht: Das hat auch etwas mit der Solidarität der Vergesslichen zu tun, die wir ja letztlich alle sind. Die Cartoons in den DEMENSCH-Kalendern sind auch so etwas wie eine Anleitung, im Anstrengenden, in dem zum Teil Tragischen, Traurigen, in der Demenz zu widerstehen.


Peter Gaymann ist einer der erfolgreichsten Cartoonisten Deutschlands. Seit 1976 ist er als humoristischer Zeichner selbstständig. Stolze 100 Bücher wurden bereits unter seinem Namen veröffentlicht – viele davon sind Bestseller.

Prof. Dr. Thomas Klie lehrt in Freiburg und Graz, leitet das Institut AGP Sozialforschung und das Zentrum für zivilgesellschaftliches Engagement mit einer Zweigstelle in Berlin und praktiziert als Rechtsanwalt in Freiburg und Berlin. Als Justitiar ist er für die VdPB tätig. Case Management Ausbilder (DGCC), Herausgeber und Schriftführer der Zeitschrift Case Management.

Mehr zum DEMENSCH-Kalender finden Sie hier.

Anzeige
Anzeige