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Herr Staack, am 21. September findet zum 32. Mal der Welt-Alzheimertag statt – was hat sich seit dem letzten Jahr getan, das positiv auf die Zukunft der Betroffenen blicken lässt?
Im vergangenen Jahr gab es einige kleine Fortschritte, die leise Hoffnung machen. Zum einen sind neue Medikamente gegen Alzheimer zugelassen worden, die den Verlauf zumindest unter ganz bestimmten Voraussetzungen für eine kleine Gruppe von Betroffenen im frühen Stadium der Erkrankung verlangsamen können. Zum anderen gewinnt das Thema Demenzprävention an Bedeutung: Öffentliche Kampagnen und Programme zur Förderung eines gesunden Lebensstils erreichen immer mehr Menschen. Auch gesellschaftlich steigt die Sensibilität für die Erkrankung, Menschen mit Demenz kommen immer häufiger selbst zu Wort und werden zunehmend eingebunden und gehört.
Dieses Jahr stehen der Weltalzheimertag und die dazugehörige „Woche der Demenz“ (vom 19. bis 28. September) unter dem Motto „Demenz – Mensch sein und bleiben". Welcher Fokus wird damit verfolgt?
Menschen mit Demenz und ihre An- und Zugehörigen sollen erleben, dass sie nicht durch ihre Krankheit definiert und ausgegrenzt werden, sondern weiterhin Teil der Gesellschaft sind. Eine Demenzerkrankung verändert die Menschen und sie nimmt ihnen nach und nach vieles, was sie früher konnten und wussten. Doch der Mensch bleibt. Die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, bleibt bis zuletzt erhalten. Das Motto verdeutlicht, dass Menschen mit Demenz weiterhin Teil der Gesellschaft sind – mit all ihren Stärken.
Die Wissenschaft geht davon aus, dass durch die konsequente Vermeidung aller Risikofaktoren die Zahl der Demenz-Neuerkrankungen um bis zu 45 Prozent reduziert werden könnte. Wo setzt Prävention am besten an?
Prävention beginnt früh – idealerweise im mittleren Lebensalter. Bei den 14 identifizierten beeinflussbaren Risikofaktoren geht es u.a. um einen gesunden und aktiven Lebensstil, das Vermeiden von schädlichem Verhalten wie Rauchen und übermäßigem Alkoholkonsum und um die Behandlung von Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes. Außerdem wissen wir inzwischen, dass der Ausgleich von Schwerhörigkeit und von Sehbeeinträchtigungen im Alter ebenfalls wichtige Faktoren für den Schutz vor einer Demenz sind. Auch geistige und soziale Aktivität, Bildung und eine gesunde Ernährung spielen eine entscheidende Rolle. Wichtig ist: Prävention ist keine Einzelmaßnahme, sondern vielfältig und ein lebenslanger Prozess. Es ist nie zu spät, damit anzufangen, aber auch nie zu früh! Und Prävention ist auch dann wichtig, wenn bereits eine Demenzdiagnose vorliegt. Denn auch dann können der Krankheitsverlauf und Begleitsymptome einer Demenz positiv beeinflusst werden, z. B. Herz-Kreislauf-Risikofaktoren.
Tut die Politik genug, um die Demenzprävention zu fördern?
Es gibt erste wichtige Initiativen zur Förderung altersgerechter Lebenswelten oder zur Gesundheitsbildung z.B. im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie (NDS), in deren Zuge auch das Projekt „Geistig fit bleiben – mit 10 Maßnahmen Demenz vorbeugen“, entstanden ist, welches die Deutsche Alzheimer Gesellschaft zusammen mit dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) entwickelt hat. Aber insgesamt ist da politisch gesehen noch reichlich Luft nach oben. Es braucht klare politische Ziele und im Falle der NDS eine angemessenere Finanzierung.
Wie sieht es im Bereich der Behandlung von Demenz-Erkrankungen aus – welche Fortschritte zeichnen sich da ab?
Wie eingangs erwähnt, haben erst kürzlich Medikamente zur Behandlung von Alzheimer eine Zulassung bzw. Zulassungsempfehlung bekommen. Aufgrund der begrenzten Wirksamkeit, und das auch nur in einem sehr frühen Stadium, kann allerdings aktuell noch nicht von einem echten Durchbruch in der medikamentösen Behandlung der Alzheimer-Krankheit gesprochen werden. Denn wir sprechen ja nach wie vor nicht von Heilung oder einem Stopp der Krankheit, sondern bestenfalls von einer Verzögerung des Krankheitsverlaufs.
Die Arzneimittelforschung muss jetzt weitergehen, und es müssen unbedingt auch die nicht-medikamentösen Ansätze in der Forschung berücksichtigt werden. Zudem muss weiter nach Behandlungsmöglichkeiten für spätere Krankheitsstadien und für andere Formen von Demenz gesucht werden. Unverzichtbar bleibt daher die Unterstützung von Menschen mit Demenz und ihren An- und Zugehörigen in jedem Krankheitsstadium und auch jeder anderen Form einer Demenz, z.B. Frontotemporale oder Lewy-Körperchen-Demenz. Beratung, Angebote der Selbsthilfe sowie nicht-medikamentöse Therapien sind für sie von entscheidender Bedeutung. Deren flächendeckende Verfügbarkeit muss weiter ausgebaut werden.
Um noch einmal auf die Politik zurückzukommen: Seit kurzem gibt es eine neue Bundesregierung, eine neue Bundesministerin für Gesundheit und eine neue Bundesministerin für Forschung. Wie schätzen Sie deren Engagement im Bereich der Alzheimer-Forschung und der Versorgung der Betroffenen ein?
Noch lässt sich ja wenig über die Arbeit der neuen Ministerinnen in den für uns relevanten Ministerien sagen. Es gibt zumindest positive Signale wie z.B. die im Koalitionsvertrag vorgesehene Fortführung der Nationalen Demenzstrategie oder die Ankündigung eines Pflegegelds als Lohnersatz für pflegende Angehörige. Zudem hat die Arbeit für eine notwendige Pflegereform begonnen. Bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder ein „laues Lüftchen“ ist, sondern die Pflegversicherung zukunftsfest gemacht wird. Denn nach wie vor ist die Not vieler Menschen mit Demenz und ihrer Familien wirklich groß.
Es fehlt an einer flächendeckenden und qualifizierten Versorgung, die Kosten für die professionelle Pflege werden oft zu einer enormen finanziellen Belastung für Betroffene und deren Familien. Entscheidend wird jetzt sein, ob den politischen Worten auch strukturelle Taten folgen. Die Bundesregierung hat die Chance, die Weichen für eine zukunftsfähige Demenzpolitik zu stellen – sie sollte sie nutzen. Loben kann man aber die Zusammenarbeit auf der Referatsebene in den Ministerien. Hier gibt es viele engagierte Mitarbeitende, mit denen wir verlässlich und vertrauensvoll zusammenarbeiten.
Wenn Sie an den Welt-Alzheimertag 2030 denken – was erhoffen Sie sich bis dahin, was sollte in der Forschung, politisch und gesellschaftlich bis dahin für Betroffene erreicht worden sein?
Politisch wünsche ich bis dahin eine zukunftsfeste Pflegeversicherung, eine vollständig und vernünftig umgesetzte Nationale Demenzstrategie, sowie ein flächendeckendes Netz aus Beratung, Pflege und Teilhabeangeboten, damit Betroffene und Angehörige eine echte Entlastung erfahren. Auch Angebote für jung an Demenz erkrankte Menschen sollten dann etabliert sein. Diese Gruppe muss noch viel mehr mitgedacht werden. Sie sind häufig noch einmal mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert, weil sie oft mitten im Leben stehen, berufstätig sind, größere finanzielle Verpflichtungen und möglicherweise Kinder in jüngerem Alter haben oder selbst ältere Angehörige pflegen.
Gesellschaftlich wünsche ich mir, dass das Thema Demenz bis dahin enttabuisiert ist und Betroffene und Angehörige sich in der Mitte der Gesellschaft willkommen fühlen, dass sie mehr Verständnis und ein echtes Miteinander erfahren – unabhängig von einer Diagnose. Und von der Forschung würde ich mir wünschen, dass 2030 ein Medikament auf den Markt kommt, dass die Alzheimer Krankheit vollständig heilt oder verhindert. Darauf warten wir aber jeden Welt-Alzheimertag seit über 30 Jahren!
Vielen Dank für das Gespräch!
Dieser Beitrag stammt aus dem medhochzwei Newsletter 14/2025. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!