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Man fühlt sich ein bisschen an den Eurovision Song Contest (ESC) der letzten Jahre erinnert, wenn man sich die Ergebnisse des jetzt vorgestellten Public Health Index PHI) anschaut. Platz 17 von 18, 36,9 von 100 möglichen Punkten, ein Abstand von 35,5 Punkten zum Spitzenreiter Großbritannien. Das gemeinsame Projekt von AOK-Bundesverband und Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ) vergleicht – laut der beiden Institutionen erstmals – systematisch, inwieweit europäische Länder wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen gegen Tabak, Alkohol, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel umsetzen. Deutschland schneidet in den Bereichen Tabak, Alkohol und Ernährung sehr schwach ab. Nur im Handlungsfeld Bewegung sieht es etwas besser aus.
Der PHI bewertet den Umsetzungsstand evidenzbasierter Maßnahmen in vier Handlungsfeldern (Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung). Entwickelt wurde der Index vom AOK-Bundesverband und dem DKFZ in Kooperation mit einem interdisziplinären Team von Wissenschaftlern; die Ergebnisse sollen als zweijähriger Taktgeber für Präventionspolitik dienen. Die vier Sektoren fließen gleichgewichtet in die Gesamtbewertung ein.
Schaut man auf die einzelnen Bereiche, belegt Deutschland den vorletzten Platz im Tabak-Handlungsfeld mit 43 von 100 Punkten in der Tabakkontrollskala. Wesentliche Defizite sind hier die vergleichsweise niedrige Tabaksteuer, erlaubte Verkaufsflächenwerbung und zahlreiche Ausnahmen beim Nichtraucherschutz. Noch schlechter sieht es beim Alkohol aus – hier erreicht Deutschland nur 9 von 40 möglichen Punkten und belegt den vorletzten Rang zusammen mit Österreich. Besonders deutlich wird das Defizit bei drei zentralen Hebeln – der Besteuerung, der Verfügbarkeit und der Werbung. Alkohol ist in Deutschland nahezu jederzeit erhältlich, wird häufig beworben und ist im internationalen Vergleich sehr günstig. Nur im Bereich „öffentliche Politik“, also beim Vorliegen einer Präventionsstrategie, gibt es die volle Punktzahl.
Im Bereich Ernährung heißt es „Germany, zero points“. Keine der sechs untersuchten Maßnahmen (z. B. verbindliche Schulessen-Standards, Zucker-Abgaben) sind flächendeckend umgesetzt.
Allein das Handlungsfeld Bewegung rettet das Ergebnis ein bisschen, hier gab es 82 von 100 möglichen Punkten und damit Rang zehn. Es gibt nationale Bewegungsempfehlungen, das Bewegungsverhalten wird regelmäßig erhoben, der Aktionsplan „IN FORM“ bündelt Projekte in Kommunen, Schulen und Betrieben. Auch gesellschaftliche Initiativen wie die Bundesjugendspiele oder lokale Gesundheitsprogramme zählen positiv. Doch an entscheidenden Stellen bleibt das Bild laut der Autoren lückenhaft.
Diese Ergebnisse erklären das schlechte Gesamtbild im PHI: Deutschland zeigt punktuell Aktivitäten, verpasst aber besonders die wirksamen strukturellen Maßnahmen, die in anderen Ländern schon Standard sind.
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Abb.: Public Health Index 2025
1. Zu geringe Ambition bei strukturellen, hochwirksamen Maßnahmen
Viele der wirksamsten Public-Health-Instrumente sind Verhältnis- und nicht nur Verhaltensmaßnahmen (z. B. Besteuerung, Werbeverbote, verbindliche Standards). Genau diese Hebel sind in Deutschland unzureichend genutzt: Tabaksteuern bleiben unter WHO-Empfehlungen, Verkaufsstellenwerbung ist weiter erlaubt, und bei Zuckerabgaben oder flächendeckenden Schulessensstandards fehlt es an bundesweiten Regelungen. Dadurch gehen große, evidenzbasierte Wirkpotenziale verloren.
2. Sektorale Zersplitterung und Föderalismus als Umsetzungshemmnis
Viele gesundheitsrelevante Regelungen — etwa Schulverpflegung, Nichtraucherschutz in öffentlichen Räumen oder kommunale Infrastruktur für Bewegung — liegen in Deutschland bei Ländern und Kommunen. Diese Dezentralisierung führt zu uneinheitlicher Umsetzung und verhindert schnelle, flächendeckende Effekte, die der PHI belohnt. Internationale Vorreiter arbeiten häufiger mit klaren nationalen Vorgaben oder verpflichtenden Systemen.
3. Mangelnder politischer Wille / Prioritätensetzung
Die PHI-Autoren nennen explizit fehlenden politischen Willen als Grund für den Status quo: Trotz vorhandener wissenschaftlicher Evidenz und oft breiter gesellschaftlicher Unterstützung würden Maßnahmen nicht konsequent begonnen oder ausgebaut. Dadurch bleiben die volkswirtschaftlichen Kosten hoch.
4. Einfluss von Wirtschafts- und Werbelobby sowie Deregulierungsargumente
Die Zurückhaltung bei Werbeverboten, Besteuerungen und Verfügbarkeitsbeschränkungen steht in engem Zusammenhang mit Widerständen aus Industrie und Handel. Lobbying und die politische Sorge um wirtschaftliche Interessen haben in mehreren Bereichen zu Verwässerungen und Verzögerungen geführt - etwa bei restriktiveren Regelungen für die Lebensmittel- oder Alkoholbranche. Die PHI-Analyse benennt das als einen Grund für die geringe Ambition.
5. Fehlende systematische Verknüpfung von Prävention und Finanzierungsmechanik
Obwohl Prävention langfristig Kosten senkt, fehlen in Deutschland häufig Mechanismen, die präventive Maßnahmen nachhaltig finanzieren (z. B. zweckgebundene Abgaben). Ohne klare Finanzierungsbasis sind großflächige Programme – etwa Qualitätsstandards für das Schulessen oder Subventionen für bewegungsförderliche Infrastruktur – politisch schwer durchsetzbar.
Ein besonders auffälliges Ergebnis ist laut der Autoren das schlechte Abschneiden des DACH-Raums. In diesen Ländern werden dem PHI zufolge besonders wenige der wissenschaftlichen Empfehlungen aufgegriffen. Daher schaffen es diese Länder in keinem Handlungsfeld in das obere Mittelfeld und belegen durchweg die hinteren Ränge. Ungenutzte Präventionspotenziale liegen vor allem in Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung sowie zur Eindämmung des Konsums von Tabak und Alkohol. In Großbritannien, Irland und im skandinavischen Raum ist die Präventionspolitik dagegen stärker an den Empfehlungen der WHO zur Eindämmung übertragbarer Krankheiten ausgerichtet.
Die Spitzenreiter im PHI (Großbritannien, Finnland, Irland, Norwegen, Frankreich) setzen systematisch auf höhere Preise/Steuern (Tabak, Alkohol, zuckerhaltige Softdrinks), weitreichende Werbeeinschränkungen (insbesondere Kinderschutz), neutrale Verpackungen und verbindliche Qualitätsstandards etwa für Schulverpflegung. Diese Länder kombinieren häufig gesetzliche Vorgaben mit kommunaler Infrastruktur-förderung – ein Maßnahmenbündel, das nachweislich Konsum und Erkrankungsraten senken kann.
Um auf der europäischen Best-Practices-Skala aufzuholen, sprechen sich die Experten für eine umfassende Präventionspolitik in Deutschland entlang der WHO-Empfehlungen aus. Da die Steigerung der Produktivität und die Stabilisierung der Kranken- und Pflegeversicherung parteiübergreifend hohe Priorität habe, müsse die Senkung der Krankheitslast stärker adressiert werden. Hier lägen ungenutzte Potenziale in Milliardenhöhe. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Tabakkonsums in Deutschland werden auf 97 Milliarden Euro geschätzt, die Kosten von Adipositas und Alkoholkonsum auf rund 63 bzw. 57 Milliarden Euro.
Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, sagte anlässlich der Veröffentlichung: „Prävention ist nicht nur Privatsache oder eine Frage der Eigenverantwortung, sondern muss politisch umfassend betrachtet werden. Eine gesündere Bevölkerung lässt sich nicht allein auf der individuellen Verhaltensebene erreichen. Die Politik ist gefordert, die gesunde Wahl zur einfacheren und leichteren Wahl im Alltag zu machen und systematisch gesunde Umgebungen zu schaffen.“ In Sachen mutiger Präventionspolitik könne Deutschland viel von den europäischen Nachbarn lernen. Deutschland brauche endlich eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik, die nicht innerhalb der Grenzen des Sozialgesetzbuchs V verharre, sondern ressortübergreifend vorangetrieben werde. Das sei der wirksamste Hebel zur langfristigen Stabilisierung des Solidarsystems.
Und der Blick auf die steigenden Kosten dort macht deutlich, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Viele Maßnahmen wären technisch und administrativ umsetzbar – und sie würden nicht nur zu einer Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung beitragen, sondern auch erhebliche volkswirtschaftliche Entlastungen bringen (z. B. durch Reduktion der geschätzten Kosten des Tabakkonsums und von Adipositas/Alkohol). Der Index sollte als Weckruf dienen: Wer langfristig Gesundheit schützen und die Kosten des Gesundheitssystems stabilisieren will, kommt um dauerhafte, ressortübergreifende Präventionsentscheidungen nicht herum.
Dieser Beitrag stammt aus dem medhochzwei Newsletter 20/2025. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!