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Ja, der Krankenstand ist vergleichsweise hoch in Deutschland. Und es wäre der Schweiß der Edlen wert, die Ursachen aufzudecken und anzugehen. Aber um Ursachen scheint es im Gesundheitswesen schon länger nicht mehr zu gehen.
Doch zunächst zur statistischen Effektseite: Der Krankenstand verkörpert ein Zerrbild. Einer der Hauptgründe des Anstiegs der Zahlen seit 2022 ist die Einführung der elektronischen Krankmeldung, die zu einer fast vollständigen und viel genaueren Dokumentation der tatsächlichen Ausfälle führt. Das war zuvor mit den vielen gelben Scheinen nicht der Fall. Nicht zuletzt weist auch das Statistische Bundesamt auf diesen Effekt hin, wonach der Zuwachs größtenteils auf die verbesserte elektronische Dokumentation zurückzuführen ist. Das sollte auch der Politik bekannt sein. Doch interessierte populistische Lautsprecherkreise haben die telefonische Krankschreibung über die „Lifestyle-Teilzeit“ bis hin zur Faulheit der Beschäftigten dafür verantwortlich gemacht. Es wird nach Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, nach Regulierung der Teilzeitarbeit und nach einer Reform der Lohnfortzahlung gerufen. Es ist immer dasselbe nach „unten“ orientiertes Oberflächengerede, was mir – inzwischen in die Jahre gekommen – ziemlich auf den Nerv geht. Denn ich höre es, konjunktur- und krisenabhängig schon seit Jahren.
Schaut man sich die Zahlen und Ursachen genauer an, wird man feststellen, dass die telefonische Krankschreibung so gut wie gar nichts damit zu tun hat. Im Gegenteil: Die ist effektiv und effizient. Die praktizierenden Ärzte und die Versicherten gehen verantwortlich damit um, und es erspart enormen Bürokratie- und Ressourcenaufwand.
Und natürlich ist der Krankenstand eine Belastung der Wirtschaft. Doch wie sieht der denn im Einzelnen aus?
Die Masse der Kurzfrist-AU (1-3 Tage) machen laut TK zwar knapp 38 % aller Fälle aus, aber auch nur knapp 7 % der Fehltage. Es sind die Langzeitkrankschreibungen, die für den Großteil der Fehltage verantwortlich sind. Das sind „nur“ 3,5 % der Fälle, doch immerhin mit fast 45 % Anteil an allen Fehltagen. Und durch die Bank erleben wir zudem eine Morbiditätsverschiebung. Weniger Fehltage aufgrund von Grippe, Corona und Bronchitis als in den Vorjahren. Auch bei den Muskel- und Skeletterkrankungen, wie z.B. alle Arten von Rücken- und Haltungsschmerzen, die generell schon immer einen großen Anteil an Fehltagen ausmachen, gab es durchaus Rückgänge. Dahingegen steigen seit Jahren die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Panikattacken.
Die Debatte um die Abschaffung der Krankschreibung für leichtere Erkrankungen setzt einen völlig falschen Schwerpunkt. Investitionen in Prävention für Muskel- und Skeletterkrankungen oder psychische Erkrankungen wären deutlich vielversprechender, weil sie viel mehr ins Gewicht fallen. Das ist für ein aktives Betriebliches Gesundheitsmanagement ein lohnendes Feld.
Darüber hinaus ist seit Jahren bekannt, dass das Thema Krankenstand auch eine zentrale Führungsaufgabe ist und stark beeinflusst wird von einer wertschätzenden Unternehmenskultur. Es ist lange bekannt, dass in Unternehmensbereichen, in denen ein starkes Wir-Gefühl herrscht, die Menschen auch mit Befindlichkeitsproblemen eher an Bord sind als in Unternehmen, wo dieses fehlt. Und zwar auffällig.
Arbeit kann sowohl gesund erhalten als auch krank machen. Die Krankenkassen unterstützen in der Regel die Arbeitgeber und Betriebe beim Aufbau und der Umsetzung geeigneter Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements.
Und für die Politik gilt: Solange sie die evidenten Strategien des Gesundheitserhalts und der Prävention links liegen lassen, und zwar in allen Bereichen des Gesundheitswesens, der Wirtschaft und Gesellschaft, wird sich an den beklagten Situationen nichts Wesentliches ändern. Es ist nicht nur eine Angelegenheit des Verhaltens und der Verantwortung der Menschen. Es liegt maßgeblich auch an den Verhältnissen in den Lebensumfeldern. Das beobachte ich nun schon seit Jahren.
Herzlichst und mit der Erwartung auf Frühlinghaftes
Ihr
Rolf Stuppardt
Dieser Beitrag stammt aus dem Welt der Gesundheitsversorgung Newsletter 01-2026. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!