Reformen in der Langzeitpflege gefordert

12.02.2026, medhochzwei
Pflege, Politik & Wirtschaft, Veranstaltungen


Christian Thiel/Deutscher Ethikrat
 

Der Der Deutsche Ethikrat beschäftigt sich derzeit mit Fragen rund um die Langzeitpflege. Denn die Pflege von Menschen mit chronischen Erkrankungen oder körperlichen, psychischen bzw. geistigen Beeinträchtigungen, die längerfristig auf Unterstützung oder Betreuung angewiesen sind, steht vor großen Herausforderungen. Ob auch zukünftig überwiegend An- und Zugehörige im häuslichen Umfeld diese werden leisten können, erscheine angesichts des demografischen Wandels sowie sich verändernder Familienstrukturen und Wertvorstellungen zumindest fraglich, so der Rat. Gleichzeitig sei die Situation professioneller Pflege in der ambulanten ebenso wie in der stationären Langzeitpflege durch zunehmende fachliche und ethische Komplexität bei gleichzeitigem Mangel an Fachkräften und steigenden Kosten gekennzeichnet.

Der Ethikrat möchte zur Verständigung über die Herausforderungen in der Langzeitpflege und zu ihrer Bewältigung beitragen, indem er Antworten auf mit ihnen zusammenhängenden individualethischen, organisationsethischen und sozialethischen Fragen erarbeitet. Dazu fand am 22. Januar eine Anhörung statt, in der sowohl Betroffene und Sachverständige als auch Vertreter von Einrichtungen und Verbänden zu Wort gekommen sind.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) hat die Anhörung als wichtigen Schritt bewertet. Der Ethikrat hatte die Anhörung im Rahmen seiner laufenden Arbeit an einer Stellungnahme durchgeführt, um die komplexen Problemlagen in der Langzeitpflege zu vertiefen und Perspektiven von Pflegebedürftigen, professionell Pflegenden, Leistungserbringern sowie An- und Zugehörigen einzubeziehen – einschließlich wirtschaftlicher und organisationaler Aspekte. Als Sachverständige war auch Vera Lux, Präsidentin des DBfK, eingeladen.
 

Ethische Konflikte oft strukturell bedingt

Der DBfK machte deutlich, dass ethische Konflikte in der Langzeitpflege in der Praxis häufig strukturell erzeugt werden: „Ethik in der Langzeitpflege entscheidet sich nicht am guten Willen Einzelner, sondern an verlässlichen Rahmenbedingungen“, so Lux. „Wenn qualifizierte Pflegefachpersonen fehlen, wird aus Fürsorge ein permanenter Konflikt zwischen dem, was fachlich geboten wäre, und dem, was noch machbar ist.“ Der medizinische Fortschritt ermögliche komplexe Therapien auch im hohen Alter – das sei begrüßenswert, erfordere aber auch entsprechend qualifiziertes Pflegepersonal. Zugleich stünden Pflegedienste und Einrichtungen unter finanziellem Druck, bedingt durch den Fachkräftemangel, Kostensteigerungen, Bürokratie und unzureichende Digitalisierung. Dadurch entstünden immer wieder Situationen, in denen das fachlich und ethisch Richtige nicht zuverlässig umgesetzt werden könne.

Aus Sicht des Verbands ist eine Reform notwendig, die die Rechte pflegebedürftiger Menschen, wie sie unter anderem in der Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen festgeschrieben sind, konsequent absichert und professionelle Pflege so stärkt, dass sie den medizinischen Fortschritt sicher, wirksam und menschlich in die Versorgung übersetzen kann. Dazu gehörten eine bedarfsgerechte Personalausstattung mit ausreichend qualifizierten und spezialisierten Pflegefachpersonen, mehr Autonomie in pflegefachlichen Entscheidungen, wirksamer Schutz vor Gewalt, Bürokratieabbau und ein deutlich höherer Digitalisierungsgrad, hieß es. Gleichzeitig müsse die Finanzierung der Langzeitpflege so gestaltet werden, dass Pflege für Betroffene erreichbar und bezahlbar bleibe und sich Organisationen nicht gezwungen sähen, Kapazitäten zu reduzieren oder Angebote einzustellen. 

Auch die ökonomische Situation der Betroffenen spielt eine entscheidende Rolle: Aufgrund der gestiegenen Eigenbeiträge der Pflegebedürftigen reichen Rente, Ersparnisse und Vermögen oft nicht aus, um die Kosten zu decken. Nicht selten wird ein Einzug ins Heim aus finanziellen Gründen hinausgezögert, obwohl er notwendig wäre. „Gerade in Zeiten knapper Ressourcen brauchen wir eine Priorisierung nach Bedarf und Evidenz – nicht Rationierung durch Mangel“, so Lux. „Eine würdevolle Pflege muss für alle zugänglich und bezahlbar bleiben – unabhängig von Einkommen, Wohnort oder familiären Ressourcen.“

Der DBfK kündigte an, sich weiterhin aktiv in den Diskurs einzubringen – man erwarte mit Spannung die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates. Ziel bleibe eine Langzeitpflege, die Würde, Teilhabe und Selbstbestimmung sowie Sicherheit zuverlässig gewährleiste – und gleichzeitig Pflegenden Bedingungen biete, unter denen professionelles Handeln dauerhaft möglich sei.

 

Dieser Beitrag stammt aus dem medhochzwei Newsletter 02/2026. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!

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