Sozialabgaben könnten 50-Prozent-Hürde 2035 reißen

25.02.2026, medhochzwei
Politik & Wirtschaft, Krankenversicherung, Gesundheitsversorgung


 

In der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) droht 2027 eine Finanzlücke von bis zu zwölf Milliarden Euro. Dadurch könnte bereits im kommenden Jahr auf Versicherte und Arbeitgeber ein erneuter Beitragssatzanstieg von 0,6 Punkten zukommen. Bis zum Jahr 2035 könnte die Abgabenlast aller Sozialzweige insgesamt die Marke von 50 Prozent erreichen. Das zeigt eine neue Projektion des IGES-Instituts im Auftrag der DAK-Gesundheit. DAK-Vorstandschef Andreas Storm schlägt einen 3-stufigen GKV-Stabilitätspakt vor, um die Beiträge der Krankenkassen bereits kurzfristig zu stabilisieren. Konkret gefordert wird eine einnahmenorientierte Ausgabenpolitik durch eine Konzertierte Aktion für alle Leistungsbereiche, die Senkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel sowie umfassende Struktur- und Versorgungsreformen. Der Druck auf die Bundesregierung und insbesondere Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) nimmt damit weiter zu – Ende März soll eine von Warken eingesetzte Kommission Vorschläge für Finanz- und Strukturreformen in der GKV vorlegen. 

Für die DAK-Analyse zur Beitragsentwicklung haben Wissenschaftler des IGES Instituts erneut eine Gesamtprojektion für alle Zweige der Sozialversicherung (Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung) mit der zu erwartenden Beitragsentwicklung bis 2035 berechnet. Grundlage sind die Eckpunkte zum Bundesetat und aktuell verfügbare Daten der zuständigen Bundesministerien sowie der beteiligten Sozialversicherungsträger.
 

Projektion zu Finanzlücken für Gesundheit und Pflege 

Laut IGES-Projektion werden in der gesetzlichen Krankenversicherung und in der sozialen Pflegeversicherung 2027 finanzielle Mehrbelastungen von mehr als 17 Milliarden Euro erwartet. Bei den Krankenkassen droht allein eine Finanzlücke von 11,8 Milliarden Euro. Ein anhaltend stärkeres Ausgabenwachstum führt zu einer Mehrbelastung von 6,8 Milliarden Euro. Dazu kommen der Wegfall des Bundesdarlehens (2,3 Milliarden Euro), der Wegfall des „kleinen Sparpaketes“ (1,7 Milliarden Euro) sowie die voraussichtliche Anhebung des Apotheken-Fixums (eine Milliarde Euro). Der sozialen Pflegeversicherung drohen 2027 Mehrbelastungen in Höhe von 5,5 Milliarden Euro durch anhaltend starkes Ausgabenwachstum (2,3 Milliarden Euro) und den Wegfall des Bundesdarlehens (3,2 Milliarden Euro).

Durch den ungedeckten Finanzbedarf in der gesetzlichen Krankenversicherung in Höhe von 11,8 Milliarden Euro droht nach den IGES-Berechnungen 2027 ein Beitragssatzanstieg von rund 0,6 Punkten gegenüber dem im Januar 2026 ausgabendeckenden durchschnittlichen Zusatzbeitrag von 3,08 Prozent. Laut Analyse würde der Beitragssatz in der GKV im kommenden Jahr durchschnittlich auf 18,3 Prozent steigen und 2033 die Marke von 20 Prozent erreichen. In der Pflegeversicherung droht 2027 ein Sprung um 0,3 Punkte auf 4,1 Prozent. Bis zum Jahr 2033 wird eine mögliche Beitragsbelastung von fünf Prozent errechnet. Für alle vier Zweige der Sozialversicherung geht das IGES Institut für 2027 von einem Sozialversicherungsbeitragssatz von insgesamt 43,6 Prozent aus, der weiter ansteigt und 2035 die Marke von 50 Prozent erreichen könnte.
 

Bislang keine mittel- und langfristige Beitragsdämpfung

Laut Studienleiter Dr. Richard Ochmann wird man „mit den Finanzierungsmaßnahmen, die die Bundesregierung zuletzt als kurzfristige Unterstützung der Finanzsituation von Kranken- und Pflegeversicherung beschlossen hat [...] allein keine mittel- bis langfristige Beitragsdämpfung erreichen.“ Mit dem ‚kleinen Sparpaket‘ und einem einmaligen Bundesdarlehen könne die Beitragsentwicklung in der gesetzlichen Krankenversicherung im laufenden Jahr höchstens gedämpft werden. Die Darlehen für die Soziale Pflegeversicherung in dem beschlossenen Umfang würden zwar ausreichen, um im laufenden Jahr einen Beitragssatzanstieg in der Pflegeversicherung zu verhindern, mittel- bis langfristig werden man mit beiden Darlehen das trendmäßige Öffnen der Schere zwischen Ausgaben- und Einnahmenentwicklung jedoch nicht verhindern. „Bereits für das kommende Jahr zeichnet sich ein weiterer Anstieg der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung um knapp sechs Beitragszehntel und in der Sozialen Pflegeversicherung um knapp drei Beitragszehntel ab“, so Ochmann.
 

DAK schlägt 3-stufigen GKV-Stabilitätspakt vor

Als Reaktion auf den drohenden Beitragsanstieg in der gesetzlichen Krankenversicherung schlägt DAK-Vorstandschef Andreas Storm einen 3-stufigen GKV-Stabilitätspakt vor: „Um bereits 2027 stabile Beiträge der Krankenkassen zu erreichen, brauchen wir einen Stufenplan, der eine faire Lastenverteilung unter allen Beteiligten sicherstellt“, sagt Storm. „Dazu soll die ‘FinanzKommission Gesundheit‘ (FKG) einen Vorschlag für eine einnahmenorientierte Ausgabenpolitik machen, die die Grundlage für die Beratung in einer Konzertierten Aktion Gesundheit ist.“ Die kurzfristige Stabilisierung soll in zwei Stufen über eine einnahmenorientierte Ausgabenpolitik gelingen – für das Jahr 2027 würde ein Kompensationsbedarf von rund 6,8 Milliarden Euro entstehen. Der zweite Schritt soll durch eine ordnungspolitisch gebotene Finanzierung der Leistungen in der GKV gegangen werden. Dabei soll der Mehrwertsteuersatz auf Arzneimittel und Hilfsmittel für alle Krankenversicherungsleistungen auf sieben Prozent abgesenkt werden (Spareffekt ca. 4,7 Milliarden Euro bei Arzneimitteln und 0,6 Milliarden bei Hilfsmitteln). Ab 2028 sollte laut des Vorschlags ein kostendeckender Ersatz der Ausgaben für Bürgergeld-Beziehende durch den Bund an die gesetzlichen Krankenkassen erfolgen. Die langfristige Stabilisierung soll dann durch umfassende Struktur- und Versorgungsreformen in der gesetzlichen Krankenversicherung erreicht werden. Die Zeit, in der das System mit kurzfristigen Maßnahmen stabilisiert werde, sollte für die Implementierung tiefgreifender Reformen wie z.B. dem Primärversorgungssystem, der Notfallreform oder der Krankenhausreform genutzt werden, so Storm. Diese tiefgreifenden Strukturreformen würden einen zeitlichen Vorlauf benötigen, bis die möglichen Effizienzreserven umfassend erschlossen werden könnten.

 

Dieser Beitrag stammt aus dem medhochzwei Newsletter 03/2026. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!

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