Healthcare-Barometer 2026: Vertrauen schwindet, Reformdruck steigt

25.03.2026, Sven C. Preusker
Politik & Wirtschaft, Krankenhaus, Krankenversicherung

Das deutsche Gesundheitswesen ist aus Sicht der Bevölkerung weiterhin ein leistungsfähiges System –  aber es wird zunehmend kritisch betrachtet. Nur noch rund die Hälfte der Befragten in einer jetzt veröffentlichten Umfrage zählt es zu den drei besten weltweit – ein Wert, der sich seit dem Vorjahr nicht verbessert hat und deutlich unter früheren Zustimmungsraten liegt. Besonders auffällig ist die altersabhängige Wahrnehmung: Während Jüngere das System vergleichsweise positiv einschätzen, sinkt die Zustimmung bei den über 55-Jährigen deutlich.

Antworten auf die Frage „Zählt das deutsche Gesundheitssystem zu den Top 3 der Welt?“ im Zeitverlauf. Quelle: PwC Healthcare-Barometer 2026
 

Diese Entwicklung deutet auf eine strukturelle Erosion des Vertrauens hin. Angesichts steigender Ausgaben, wachsender Komplexität und zunehmender Versorgungsprobleme wird die Diskrepanz zwischen Kosten und wahrgenommener Leistungsfähigkeit für viele Bürger immer sichtbarer.

Die Zufriedenheit mit den Krankenkassen bleibt derweil hoch und stabil, trotz steigender Zusatzbeiträge.
 

Krankenhäuser stabil – ambulante Versorgung unter Druck

Die Bewertung der stationären Versorgung zeigt sich im Zeitverlauf verhältnismäßig stabil. Rund die Hälfte der Bevölkerung beurteilt die Qualität in Krankenhäusern als gut oder sehr gut – ein Wert, der sich seit Jahren kaum verändert hat, mit Ausnahme eines pandemiebedingten Zwischenhochs. Gleichzeitig bestehen deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Frauen bewerten die stationäre Versorgung signifikant kritischer als Männer.

Bei der Wahl eines Krankenhauses dominiert weiterhin der hausärztliche Rat. Digitale Informationsquellen oder KI-gestützte Angebote spielen bislang kaum eine Rolle – ein Hinweis darauf, dass Vertrauen weiterhin primär über persönliche ärztliche Beziehungen vermittelt wird.

Deutlich problematischer stellt sich die Situation im ambulanten Bereich dar. Die Zufriedenheit mit ärztlichen Behandlungen ist weiter gesunken und liegt nur noch bei etwa 30 Prozent. Hauptkritikpunkte sind Zeitmangel in der Arzt-Patienten-Interaktion sowie das Gefühl, nicht ausreichend ernst genommen zu werden. Besonders ausgeprägt ist diese Unzufriedenheit unter Berufstätigen, die zusätzlich strukturelle Defizite wie unpassende Praxisöffnungszeiten benennen.
 

Finanzierungsfrage dominiert die Wahrnehmung

Eine zentrale Sorge der Bevölkerung ist die langfristige Finanzierbarkeit des Systems. 59 Prozent der Befragten äußern Besorgnis über die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems. Damit sind steigende Kosten das dominierende Thema – noch vor Fachkräftemangel und Versorgungsqualität.

Diese Wahrnehmung ist nicht überraschend: Deutschland verfügt über eines der teuersten Gesundheitssysteme in Europa, ohne dass sich dies aus Sicht vieler Versicherter in entsprechend überlegener Versorgung niederschlägt. Der demografische Wandel verstärkt den Druck zusätzlich.

Parallel dazu wächst die Erwartung an strukturelle Reformen. Integrierte Versorgungsmodelle gelten für die große Mehrheit als zentraler Hebel, um Effizienzreserven zu heben, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und die Patientensteuerung zu verbessern. Ebenso hoch ist die Zustimmung zur stärkeren Gewichtung von Prävention, die bislang im System unterrepräsentiert ist.

Die Erwartungen hinsichtlich der integrierten Versorgung richten sich dabei weniger auf abstrakte Strukturreformen als auf konkrete Verbesserungen im Versorgungsalltag. Im Vordergrund steht der Wunsch nach einer besseren Koordination zwischen Haus- und Fachärzten sowie anderen Leistungserbringern. Ebenso wichtig ist vielen eine ganzheitlichere Betrachtung der Patienten, die über sektorale Grenzen hinweg organisiert wird. Darüber hinaus verbinden die Befragten mit integrierten Versorgungsmodellen die Hoffnung auf kürzere Wartezeiten, effizientere Abläufe und eine frühzeitigere Erkennung von Krankheitsrisiken. Insgesamt zeigt sich: Die Zustimmung zur integrierten Versorgung speist sich vor allem aus der Erwartung konkreter Verbesserungen in Qualität, Zugänglichkeit und Effizienz der Versorgung.
 

Gesundheitspolitik unter Erwartungsdruck

Die politische Dimension des Gesundheitswesens rückt stärker in den Fokus. Neun von zehn Befragten fordern, dass die Bundesregierung der Gesundheitspolitik künftig mehr Priorität einräumt. Diese Forderung ist Ausdruck eines wachsenden Problembewusstseins: Reformvorhaben wie die Krankenhausstrukturreform, Diskussionen über Leistungskürzungen und steigende Beiträge sind in der Bevölkerung angekommen.

Gleichzeitig zeigt sich, dass die Bereitschaft zur Mitwirkung an systemischen Veränderungen grundsätzlich vorhanden ist. Eine große Mehrheit befürwortet präventive Maßnahmen und kann sich auch eine stärkere Nutzung von Gesundheitsdaten vorstellen – wenn der Nutzen klar erkennbar ist.

Insgesamt zeigen sich mehr als vier von fünf Befragten offen dafür, ihre Daten zu teilen – allerdings häufig nicht bedingungslos. Während 45 Prozent ihre Daten freiwillig bereitstellen würden, knüpfen andere ihre Zustimmung an Gegenleistungen, etwa in Form finanzieller Anreize oder konkreter individueller Vorteile. Rund ein Fünftel lehnt eine Weitergabe grundsätzlich ab und betont den Schutz der eigenen Datenhoheit. Auffällig sind dabei generationale Unterschiede: Jüngere Befragte zeigen eine geringere Bereitschaft zur unentgeltlichen Datenfreigabe, während ältere häufiger zu einer freiwilligen Weitergabe bereit sind. Insgesamt deutet sich hier ein pragmatisches Verständnis von Datennutzung an – mit klaren Erwartungen an Transparenz und Nutzen.

 

Finanzierung bleibt größte Herausforderung

Das Healthcare-Barometer 2026 zeichnet das Bild eines Systems im Spannungsfeld zwischen hoher Leistungsfähigkeit und wachsender Skepsis. Während die stationäre Versorgung vergleichsweise robust bewertet wird, offenbaren sich insbesondere im ambulanten Bereich strukturelle Defizite. Die größte Herausforderung bleibt jedoch die nachhaltige Finanzierung.

Die aktuellen Debatten um die Krankenhausreform, stark steigende Kosten und die mögliche Streichung von Leistungen seien erkennbar bei den Bürgern angekommen, so Michael Ey, Global Health Services Leader bei PwC Deutschland. „Wir brauchen dringend grundlegende Reformen für das ganze Gesundheitssystem, denn unser derzeitiges System ist zu teuer und zu wenig effizient. Deutschland konzentriert sich zu stark auf Behandlung statt auf Prävention, noch immer ist das Sektorendenken in der Gesundheitswirtschaft zu stark ausgeprägt.“

Der Reformdruck ist deutlich spürbar – sowohl aus ökonomischer als auch aus gesellschaftlicher Perspektive. Die Erwartungen an Politik und Selbstverwaltung steigen entsprechend. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die vielfach geforderte stärkere Integration der Versorgung, den Ausbau präventiver Ansätze und eine effizientere Mittelverwendung tatsächlich umzusetzen.

Die Ergebnisse basieren auf einer bevölkerungsrepräsentativen Befragung von 1.000 Bürgerinnen und Bürgern, durchgeführt von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland.

 

Dieser Beitrag stammt aus dem medhochzwei Newsletter 05/2026. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!

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