Digitalisierung in der Pflege: Entlastung statt Ersatz?

Interview mit Yvonne Dintelmann

27.03.2026, medhochzwei Verlag
Gesundheitsversorgung, Innovationen, Pflege

 

Wie verändern Digitalisierung und KI die Pflege und wo liegen ihre Grenzen? Yvonne Dintelmann, Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied des Universitätsklinikums Heidelberg, spricht im Interview mit Sarah Rondot über konkrete Innovationen im Klinikalltag, wie den Einsatz von Sensorik, die allgemeine Rolle von KI sowie die Bedeutung von Prävention in der Pflege.

 

Das Interview sehen Sie hier als Video.

Yvonne Dintelmann ist Speakerin beim 9. Heidelberger Forum Gesundheitsversorgung. 

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medhochzwei: Liebe Frau Dintelmann, welche Innovation ist aktuell in der Pflege für Sie eine der größten Hoffnungsträger?

Dintelmann: Wir haben da eine Innovation, die uns extrem entlastet. Wir haben jetzt gerade in einzelnen Bereichen so einen Sensor, der den Patienten anonym, also ohne, dass ein Datenschutzproblem entsteht, mit Bewegungsspunkten beobachtet. Wenn wir diesen Sensor einsetzen und der Patient unruhig wird oder das Bett verlässt, wodurch gegebenenfalls das Risiko entsteht, dass er stürzt, erkennt das der Sensor rechtzeitig und gibt ein Signal an den Pflegedienst. Dann kann der Mitarbeiter direkt vor Ort gehen. Der Unterschied ist, dass die Mitarbeiter früher immer durch die Zimmer gehen mussten, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist: Schläft der Patient? Hat er irgendwelche Bedürfnisse? Und jetzt können wir über die Bewegungssensoren direkt sehen, dass er schläft. Auch die Atmung ist sichtbar, weil die Bewegungspunkte die Atmung beurteilen können. Dadurch entsteht natürlich für den Patienten viel mehr Ruhe. Und für die Mitarbeiter Sicherheit.

medhochzwei: Das ist ja schon eine direkte Auswirkung von Digitalisierung auf die Arbeit von Pflegekräften. Nun gibt es aber auch Leute, die Angst haben, dass sie in Zukunft von Pflegerobotern ersetzt werden. Ist diese Angst begründet?

Dintelmann: Zum jetzigen Zeitpunkt auf keinen Fall. Warum? Weil wir eine unglaublich komplexe Arbeitssituation haben. Es ist nicht nur eine Tätigkeit, die eine Mitarbeiterin vor Ort am Patienten ausübt, sondern sie erfasst in dem Moment, in dem sie das Zimmer betritt, die gesamte Situation: Sie beurteilt den Zustand des Patienten, erkennt, ob er Schmerzen hat, ob er Angst hat, ob er unter Luftnot leidet.

Das alles sind Wahrnehmungen, die man zusätzlich im Gespräch feststellt. Daher sind die pflegerischen Interaktionen so komplex, dass Roboter oder KI noch nicht dafür geeignet sind, um Pflegekräfte zu ersetzen – aber auf jeden Fall, um uns zu entlasten.

medhochzwei: Dann bleibt vielleicht auch mehr Zeit für Empathie und emotionale Arbeit.

Dintelmann: Das wäre natürlich wünschenswert, weil dieser Teil ist natürlich über Robotik überhaupt nicht abzudecken.

medhochzwei: In dem Themenschwerpunkt des Panels geht es ja nicht nur um Digitalisierung und Innovation, sondern auch darum, den Fokus weg von Behandlung und Reparatur in Richtung Prävention zu verschieben. Spielt Prävention auch eine Rolle in der Pflege?

Dintelmann: Eine sehr große. Wir wollen den Patienten ihre Autonomie, ihre Eigenständigkeit erhalten, das ist unser größtes Ziel. Wenn Patienten in einer akuten Krankheitssituation zu uns in die Kliniken kommen, haben wir zum Ziel, dass er oder sie am Ende möglichst selbstständig wieder aus der Klinik herausgehen kann.

Deswegen bedeutet Prävention zu erkennen: Welche Gesundheitsrisiken sind da? Wo müssen wir ansetzen, dass eine Erkrankung sich nicht noch weiter verschlechtert? Das sind wesentliche primäre Ziele der Pflege.

medhochzwei: Können Sie das mit einem Beispiel ausführen?

Dintelmann: Wenn ein Patient mit einem Gesundheitsrisiko in die Klinik kommt, behandeln wir die Symptome oder die Auswirkungen von der Erkrankung. Es ist im Moment nicht unsere Aufgabe zu schauen, wie kann die Erkrankung nicht schlimmer werden. Das ist zwar unser Auftrag, aber wir kriegen das nicht finanziert.

Und das heißt also, wenn ein Patient zum Beispiel mit erhöhtem Blutdruck zu uns kommt, ist unser Ansatz eine Untersuchung durchzuführen an deren Ende er medikamentös eingestellt wird, um den Blutdruck zu stabilisieren. Idealerweise könnte man ihm im Versorgungsprozess direkt auch alle Aspekte hinsichtlich der gesundheitlichen Prävention mitgeben: Sport machen, auf die Ernährung achten oder möglicherweise auch auf das Gewicht aufpassen. Das tun wir bereits, aber immer nur mit Informationen. Wir begleiten diesen Prozess, dass der Patient nach der Behandlung auf sich achtet, im Anschluss gar nicht oder nur wenig.

medhochzwei: Und das könnte man dann mit Programmen unterstützen.

Dintelmann: Ja, ich glaube, ein wesentlicher Hebel wäre darin zu investieren, dass die Expertise aus der Pflege, von der Beratung zur Prävention sektorenübergreifend weiterentwickelt wird. Also, dass wir eben nicht nur im Krankenhaus beraten, sondern dass wir auch im Anschluss in der ambulanten Versorgung den Patienten weiter begleiten. In der Uniklinik in Heidelberg haben wir bereits einzelne Ansätze, aber da ist auch noch ganz viel zu tun. Da kann man noch viel mehr machen.

medhochzwei: Gibt es da aus Ihrer Sicht irgendeine spezielle Herausforderung bei der Innovationen helfen könnten oder wo sie sagen, da müsste etwas erfunden werden?

Dintelmann: Grundsätzlich ist das Thema Prävention im Gesundheitswesen noch unterrepräsentiert. Wenn wir unser Mindset ändern könnten, dass wir stärker auf präventive Aspekte achten, auch in der Interaktion mit den Patienten, wäre das schon super. Da wäre dann natürlich eine Unterstützung durch KI oder Robotik extrem hilfreich.

medhochzwei: Als Abschlussfrage: Gibt es denn etwas, worauf Sie sich beim Heidelberger Forum Gesundheitsversorgung besonders freuen?

Dintelmann: Auf den Austausch, auf neue Impulse, darauf interessante Menschen kennen zu lernen und auch etwas für mich und für meine Arbeit mitzunehmen. Man lernt auf dem Forum jedes Mal etwas Neues dazu.

medhochzwei: Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Yvonne Dintelmann,
Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied des Universitätsklinikums Heidelberg

Yvonne Dintelmann, Dipl. Pflegewirtin, ist seit April 2024 Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied der Universitätsklinik Heidelberg. Zuvor leitete sie als Pflegedirektorin den Pflege- und Funktionsdienst, die Pflegeentwicklung sowie das SAPV-Team am Universitätsklinikum Mannheim. Zuvor war sie u. a. Pflegedirektorin der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, Geschäftsführerin und Pflegedirektorin der Hochtaunuskliniken gGmbH und Pflegedirektorin bei Katharina-Kasper.

Weitere Informationen zu den Speakerinnen und Speakern des Heidelberger Forums finden Sie hier

Yvonne Dintelmann ist außerdem Herausgeberin des Management Handbuch Pflege.

 

 

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