Reform der Pflegeversicherung: Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt

13.05.2026, medhochzwei
Interviews & Kommentare, Pflege


 

Herr Prof. Dr. Stefan Schmidt, derzeit wird diskutiert, den Zugang zu Leistungen der Pflegeversicherung restriktiver zu gestalten. Wie bewerten Sie diese Entwicklung aus pflegewissenschaftlicher Sicht?

Aus pflegewissenschaftlicher Sicht halte ich diese Entwicklung für hoch problematisch. Pflegebedürftigkeit verschwindet nicht dadurch, dass Menschen keinen oder einen niedrigeren Pflegegrad erhalten. Unterstützungsbedarfe entstehen nicht administrativ, sondern real im Alltag von Menschen mit funktionalen, kognitiven, psychischen oder sozialen Einschränkungen. Wer den Zugang zu Leistungen verengt, reduziert daher nicht Pflegebedarf, sondern verschiebt ihn. Genau darin liegt das zentrale Problem: Die Versorgungslast wird aus der Pflegeversicherung heraus in Familien, Kommunen und andere Sozialleistungssysteme verlagert. Kurzfristig mag das fiskalisch entlastend wirken, langfristig drohen jedoch höhere Folgekosten, etwa durch Krisensituationen, Krankenhausaufenthalte, Überforderung pflegender Angehöriger oder frühere Heimaufnahmen.

Besonders kritisch sehe ich, dass ausgerechnet frühe und niedrigschwellige Unterstützungsleistungen infrage gestellt werden. Pflege beginnt nicht erst bei schwerster Abhängigkeit. Viele Menschen benötigen zunächst Beratung, Orientierung, Tagesstruktur, Entlastung oder punktuelle Hilfen, um möglichst lange stabil zuhause leben zu können. Wer genau an dieser Stelle spart, schwächt präventive Versorgung und produziert mittelfristig oft genau die schweren Verläufe, die man eigentlich vermeiden möchte.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Der erweiterte Pflegebedürftigkeitsbegriff war ein fachlich und sozialpolitisch notwendiger Fortschritt, weil erstmals auch kognitive und psychische Einschränkungen systematisch berücksichtigt wurden. Eine Verengung des Zugangs wäre deshalb nicht nur eine Sparmaßnahme, sondern faktisch ein Rückschritt hinter zentrale pflegewissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahre.
 

Welche Auswirkungen hätten solche Reformen auf Familien und informell Pflegende?

Die Auswirkungen würden vor allem Familien treffen. Bereits heute wird der überwiegende Teil der Pflege im häuslichen Umfeld erbracht, oft unter enormem persönlichem, gesundheitlichem und finanziellem Druck. Wenn Leistungen eingeschränkt werden, bedeutet das konkret: mehr Verantwortung, mehr Belastung und mehr Unsicherheit für An- und Zugehörige. Man muss sehr klar sagen: Das deutsche Pflegesystem funktioniert derzeit überhaupt nur, weil Millionen Angehörige Versorgungslücken kompensieren. Sie organisieren Pflege, koordinieren Termine, übernehmen Betreuung, emotionale Stabilisierung und pflegerische Tätigkeiten, häufig zusätzlich zu Beruf und eigener Familie. Diese Leistungen werden gesellschaftlich oft als selbstverständlich vorausgesetzt, obwohl sie das System faktisch stützen.

Wenn Unterstützungsleistungen wegfallen oder schwerer zugänglich werden, verschärft sich genau diese Situation weiter. Dann steigt nicht nur das Risiko gesundheitlicher Überlastung bei pflegenden Angehörigen, sondern auch sozialer Rückzug, Erwerbsreduktion und finanzielle Belastung. Pflegepolitik würde damit letztlich diejenigen schwächen, die bereits heute den größten Teil der Versorgung tragen.

Deshalb reicht es nicht aus, Pflege ausschließlich als Finanzierungsproblem der Versicherungssysteme zu betrachten. Pflege ist längst eine gesellschaftliche Infrastrukturfrage geworden. Wenn Familien dauerhaft überfordert werden, destabilisiert das nicht nur Versorgung, sondern soziale Teilhabe insgesamt.
 

Welche Alternativen sehen Sie zu einer primär fiskalisch orientierten Reform der Pflegeversicherung?

Die zentrale Frage sollte nicht sein, wie man Menschen aus dem Leistungsbezug herausbekommt, sondern wie Versorgung früher, wirksamer und nachhaltiger organisiert werden kann. Wir brauchen eine Reformlogik, die Prävention stärkt, statt Leistungen administrativ zu verknappen.

Dazu gehört vor allem der Ausbau kommunaler Pflege- und Sorgeinfrastrukturen. Viele Krisen entstehen nicht allein durch Pflegebedürftigkeit selbst, sondern durch fehlende Unterstützung, mangelnde Koordination und Überforderung im Alltag. Präventive Hausbesuche, quartiersbezogene Unterstützungsangebote, niedrigschwellige Beratung oder verlässliche Entlastungsstrukturen könnten hier deutlich mehr Wirkung entfalten als spätere Kriseninterventionen.

Gleichzeitig brauchen wir endlich eine ernsthafte Debatte über die strukturellen Ursachen steigender Pflegezahlen. Das aktuelle Gutachten verweist selbst auf erhebliche Wissenslücken, etwa zur zukünftigen Entwicklung informeller Pflege, regionalen Unterschieden oder Verschiebungseffekten zwischen den Sozialgesetzbüchern. Vor diesem Hintergrund erscheint es fachlich kaum vertretbar, vorschnell Zugänge einzuschränken.

Nachhaltige Pflegepolitik bedeutet aus meiner Sicht nicht, Leistungen unsichtbar zu machen, sondern Versorgung tragfähig zu organisieren. Wer Pflegebedürftigkeit lediglich administrativ reduziert, löst kein Problem, er verschiebt es nur zeitlich und strukturell.

 

Prof. Dr. Stefan Schmidt

ist Professor für Klinische Pflege mit dem Schwerpunkt Pflege- und Versorgungskonzepte und Prodekan am Fachbereich Gesundheit, Pflege, Management an der Hochschule Neubrandenburg. Er ist designierter Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management und wissenschaftlicher Leiter der Case Management-Ausbildung am Institut für Weiterbildung der Hochschule Neubrandenburg.

Dieser Beitrag stammt aus dem medhochzwei Newsletter 08/2026. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!

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