„​Menschen erleben keine Sektoren“

29.05.2026, Rolf Stuppardt
Versorgung, Pflege

Dieser prägnanten Satz hat Diplom-Pflegewissenschaftlerin (FH) Annemarie Fajardo anlässlich der Pflege Plus 2026 in Stuttgart in den Mittelpunkt ihres Beitrages gestellt. Und sie schreibt weiter dazu: „Denn Menschen, die auf Versorgung angewiesen sind, bewegen sich nicht entlang institutioneller Zuständigkeiten. Sie erleben Übergänge: vom häuslichen Umfeld ins Krankenhaus, von dort in die Rehabilitation, in die Langzeitpflege oder zurück in die ambulante Begleitung. Was aus Systemperspektive als Schnittstelle beschrieben wird, ist aus der Perspektive der Betroffenen häufig ein Moment besonderer Verletzlichkeit. Gerade dort, wo Zuständigkeiten wechseln, entstehen Brüche.

Informationsverluste, unklare Verantwortlichkeiten, divergierende Finanzierungslogiken und historisch gewachsene Systemgrenzen machen deutlich, dass Versorgung heute komplexer ist als viele der Strukturen, in denen sie organisiert wird. Über sektorenübergreifende Versorgung zu sprechen, bedeutet deshalb nicht nur, einzelne Übergänge besser zu koordinieren. Es bedeutet, die Logik unseres Versorgungssystems grundsätzlicher zu hinterfragen.

  • Welche Profession übernimmt Verantwortung für Kontinuität?
  • Wie können regionale Versorgungsmodelle verbindlicher gestaltet werden?
  • Und wie gelingt es, Pflege nicht nur als ausführende Berufsgruppe, sondern als gestaltende Profession in diesen Prozessen sichtbar und wirksam werden zu lassen?

Für mich ist dabei zentral: Pflege ist nicht lediglich eine Schnittstelle zwischen Sektoren. Pflege kann #Kontinuitätsträgerin sein. Sie ist nah am Menschen, in unterschiedlichen Versorgungsphasen präsent und verfügt über eine fachliche Perspektive, die Übergänge nicht nur organisatorisch, sondern auch biografisch, sozial und gesundheitlich einordnen kann. Genau darin liegt ein erhebliches Potenzial für eine Versorgung, die weniger fragmentiert und stärker am tatsächlichen Bedarf der Menschen ausgerichtet ist.

Dafür braucht es allerdings mehr als gute Absichtserklärungen. Es braucht verbindliche Kooperationen, regionale Verantwortung, erweiterte Kompetenzen, akademisch qualifizierte Rollenprofile und politische Rahmenbedingungen, die Pflege als Strukturfrage ernst nehmen.

 

Dieser Beitrag stammt aus dem Welt der Gesundheitsversorgung Newsletter 03-2026. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!

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