Interview: Krankenhäuser brauchen Gestaltungsfreiheit

10.06.2026, medhochzwei
Politik & Wirtschaft, Krankenhaus, Veranstaltungen


Foto: Sven Lorenz/RWI

 

medhochzwei: Prof. Augurzky, in Kürze erscheint der „Krankenhaus Rating Report 2026“ – inmitten einer Zeit großer Umbrüche für die Krankenhäuser. Wie sind die Häuser aufgestellt auf dem Weg in die Zeit mit KHVVG und KHAG?

Augurzky: Die Krankenhäuser haben ein paar schwierige Jahre hinter sich, die wirtschaftlich äußerst herausfordernd waren. Sie „fahren auf Sicht“. Der derzeitige 3,25-prozentige Rechnungsaufschlag wird ihnen dieses Jahr Luft zum Atmen und zum Planen geben. Wenn sie in den kommenden Jahren in ihren Regionen mit den Instrumenten des KHVVG und KHAG beherzt effiziente Krankenhausstrukturen umsetzen, werden sie sich mittel- und langfristig auch in wirtschaftlich stabiles Fahrwasser begeben können. Falls nicht bereits neues Ungemach am Horizont droht…

mhz: „Flucht nach vorn“ lautet der Untertitel des diesjährigen Reports – wie könnte die aussehen?

Augurzky: Die große Krankenhausreform hat mit dem KHAG endlich ihren Abschluss gefunden. Auch wenn nicht alle damit zufrieden sind, besteht doch zumindest Klarheit darüber, wie es ab jetzt weitergeht. Krankenhäuser können nun ihren Blick nach vorne richten und hoffentlich die in den vergangenen Jahren schlechte wirtschaftliche Lage hinter sich lassen. So motivierte sich der Titel, wenngleich schon mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz im kommenden Jahr die nächste große Herausforderung ansteht. 

mhz: Können Sie uns einen kleinen Vorgeschmack auf die Sonderanalysen geben, die der Rating Report dieses Mal beinhaltet?

Augurzky: Wir haben uns dieses Jahr die Lage der Gemeinden und Gemeindeverbände genauer angeschaut, die für kommunale Kliniken häufig die letzte Rettung sind, wenn ihre Defizite zu groß werden. Hier hat sich aber schon 2023 der Wind gedreht. Die Gemeinden selbst erwirtschaften nun Defizite. Im Jahr 2025 waren es deutschlandweit rekordverdächtige 32 Milliarden Euro. So bräuchten nun eigentlich die kommunalen Träger von ihren Krankenhäusern eine Dividendenausschüttung. Zudem haben wir simuliert, was bei einer „kalten“ Marktbereinigung, also eine Bereinigung nach rein wirtschaftlichen Kriterien, passieren würde. Wie viele Menschen müssten dann einen längeren Weg zum nächsten Krankenhaus auf sich nehmen? Und vor allem: Welche Kliniken würde es treffen? Nur kleine kommunale auf dem Land? Ein weiteres Thema ist die anstehende GOÄ-Reform und ihre Bedeutung für Krankenhäuser. Und schließlich hat uns Solidaris wieder aufschlusseiche aktuelle Zahlen aus dem Jahr 2025 zur Verfügung gestellt. 

mhz: Sie haben das drohende „neue Ungemach“ eben schon erwähnt... mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist jetzt noch ein Gesetz auf dem Weg, das auch bei den Krankenhäusern für Kürzungen führen wird. Welche Effekte sind da zu erwarten – und gibt es auch positive Auswirkungen?

Augurzky: In seiner Fassung vom 29. April 2026 werden die Auswirkungen auf Krankenhäuser im Jahr 2027 heftig sein. Insgesamt müssen sie mit Erlöseinbußen von bis zu vier Milliarden Euro rechnen, die bis zum Ende des Jahrzehnts auf sieben Milliarden anwachsen können. In einer bereits veröffentlichten Sonderanalyse mit den Daten des alten Krankenhaus Rating Reports aus dem letzten Jahr kommen wir zum Ergebnis, dass im Jahr 2027 das Erlöswachstum der Krankenhäuser um rund vier Prozentpunkte hinter dem Kostenwachstum liegen wird. 

mhz: Sind Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und die Bundesregierung mit den vorgesehenen Maßnahmen auf dem richtigen Weg?

Augurzky: Es ist meines Erachtens völlig klar, dass wir die Beitragszahler und Unternehmen nicht weiter mit steigenden Beiträgen wie in den vergangenen Jahren belasten können. Einsparungen müssen daher sein. Eine Klinik muss aber die damit verbundenen Erlöseinbußen durch eine entsprechende Senkung ihrer Betriebskosten auffangen können, oder sie wird auf mittlere Frist den Betrieb einstellen müssen, wenn sie keinen potenten Träger für einen Defizitausgleich hat – siehe oben. 

Da die Krankenhäuser inzwischen 20 Prozent mehr Personal pro Fall beschäftigen als im Jahr 2019, besteht allerdings grundsätzlich die Möglichkeit, Personalkosten zu senken. Nach unseren Berechnungen würde ein Absenken auf nur noch zwölf Prozent mehr Personal pro Fall als 2019 die Erlöseinbußen durch das GKV-BStabG auffangen. Allerdings brauchen die Krankenhäuser dafür Gestaltungsfreiheit, die ihnen in den vergangenen Jahren immer mehr entzogen wurde. Eine Vielzahl an regulatorischen Vorgaben – vom Gesetzgeber, der Selbstverwaltung und Tarifverträgen – erlauben es oft nicht, das Personal effizient einsetzen zu können. Dies zu ändern, darin liegt die Chance für die Kliniken und für die Gesellschaft als Ganzes. Denn wenn unsere Volkswirtschaft schrumpft oder bestenfalls stagniert, müssen wir uns auf Zeiten besinnen, in denen wir bei geringerer Wirtschaftskraft mit weniger Standards auch zufriedenstellende Leistung erbracht haben. Wie schon Bill Clinton sagte: „It‘s the economy, stupid!“ Es wird aber noch etwas Zeit brauchen, sich das einzugestehen. 

mhz: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Weitere Infos

Der diesjährige Krankenhaus Rating Report befasst sich mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage der Krankenhäuser und gibt einen Ausblick auf die kommenden Jahre. Dabei berücksichtigt er kurzfristig wirkende Maßnahmen sowie mittel- und langfristige Effekte und Trends. Zudem untersucht er in Sonderanalysen die oftmals kritische Situation der kommunalen Finanzen, identifiziert finanziell bedrohte Kommunen und geht auf mögliche Folgen einer insolvenzbasierten Marktbereinigung auf die Versorgungslandschaft sowie die möglichen Folgen der GOÄ-Reform für die Krankenhäuser ein.

Mit dem digitalen Foliensatz zum Rating Report sind zudem alle Schaubilder, Karten und Tabellen des Reports 2026 sind als Power-Point-Folien erhältlich und so ideal für den Einsatz in Präsentationen geeignet. Erhalten Sie hier bereits vor Erscheinen eine der Folien!

Der Krankenhaus Rating Report 2026 wird am 25.06.2026 um 09:30 Uhr auf dem Hauptstadtkongress 2026 im Rahmen einer Podiumsdiskussion vorgestellt. Seien Sie dabei! Hier können Sie zudem ein kostenfreies Ticket zum Ausstellungsforum erhalten!

Dieser Beitrag stammt aus dem medhochzwei Newsletter 10/2026. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!

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