Studie „Zukunftsbild Heilberufler 2030“

27.09.2017, Sven C. Preusker
Hintergrund, Management, Politik & Wirtschaft, Heilberufe

Die zunehmende Feminisierung der Heilberufe, der Trend zur Teilzeitbeschäftigung und Kooperationen, verbunden mit dem demografischen Wandel und dem technologischen Fortschritt, verändern die Patientenversorgung. Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (apoBank) hat rund 400 Ärzte, Zahnärzte und Apotheker befragt, wie sie selbst die künftigen Entwicklungen im Gesundheitswesen einschätzen. Die Ergebnisse werden in der repräsentativen Studie „Zukunftsbild Heilberufler 2030“ zusammengefasst, die gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut forsa durchgeführt wurde. Über alle Heilberufsgruppen hinweg geht die überwiegende Mehrheit der Befragten davon aus, dass der Heilberufler im Jahr 2030 als Dienstleister wahrgenommen wird (83 Prozent), während das Image als „Halbgott in Weiß“ endgültig überholt sein wird (79 Prozent). Insgesamt aber zeichnen die Heilberufler ein selbstbewusstes Bild von ihrem Berufsstand: 71 Prozent sind sich sicher, dass sie auch im Jahr 2030 hohes Vertrauen in der Bevölkerung genießen werden.
91 Prozent der Ärzte, Zahnärzte und Apotheker rechnen damit, dass der Patient in Zukunft höhere Ansprüche an ihre Leistungen stellen wird. Nicht zuletzt weil er im Jahr 2030 informierter sein wird als heute, davon sind 85 Prozent der Befragten überzeugt. Zudem halten es 59 Prozent für wahrscheinlich, dass der Patient auch häufiger bereit sein wird, für Gesundheitsleistungen selbst zu zahlen.
Die Mehrheit (55 Prozent) der Befragten sieht in der Einzelpraxis beziehungsweise der Einzelapotheke ein Auslaufmodell. Demnach wird sich auch in Zukunft der Trend zu Anstellung und Kooperation weiter fortsetzen. Die Versorgungslücke im ländlichen Bereich füllen nach Ansicht von zwei Dritteln der Heilberufler künftig Krankenhäuser, die als „Allrounder“ sowohl die stationäre als auch die ambulante Versorgung übernehmen werden – eine Entwicklung, die ja auch politisch gewollt ist, allerdings in der konsequenten Umsetzung immer noch von einigen Hürden gebremst wird.
Bindung wird schwächer
65 Prozent der Befragten fürchten, dass es 2030 eine geringere Bindung zwischen dem Heilberufler und seinen Patienten beziehungsweise Kunden geben wird. Dazu trägt auch die sich wandelnde Struktur der ambulanten Versorgung mit weniger Einzelpraxen und mehr Kooperationen bei: Sie führt häufiger zu einem Wechsel des Arztes und infolgedessen auch zu einer geringeren sozialen Verbundenheit mit diesem. Jeder zweiter Heilberufler geht zudem davon aus, dass der Patient künftig aktiv mehr Eigenverantwortung für seine Gesundheit übernehmen und vermehrt Präventionsmaßnahmen betreiben wird als heute.
Die Heilberufler sind sich weitgehend einig (90 Prozent), dass Spezialisierung künftig in allen Bereichen – ob Studium, Praxis oder Apotheke – eine notwendige Voraussetzung für den eigenen Erfolg darstellt. Zusätzlich erwarten mehr als 80 Prozent der befragten Ärzte, Zahnärzte und Apotheker eine zunehmende Kapitalisierung der Versorgungsstrukturen, bei der Praxen und Apotheken durch private Investoren aufgekauft und in bundesweiten Kettenkonzepten integriert werden.
Digitalisierung als sinnvolle Unterstützung
86 Prozent aller Heilberufler gehen davon aus, dass die Digitalisierung ihre Arbeit in Zukunft sinnvoll unterstützen wird. Lösungen bei der Verwaltung, die die "Zettelwirtschaft" abnehmen – wie zum Beispiel digitale Abrechnungen zwischen Apotheken und Krankenkassen, elektronische Rezepte, computergestützte Diagnostik, digitales Management der Medikamenteneinnahme oder die Online-Gesundheitsakte – gehören 2030 nach Ansicht der überwiegenden Mehrheit zum Standard. 40 Prozent der Befragten glauben sogar, dass die Digitalisierung künftig den Heilberufler in Teilen ersetzen wird.
„Die Studie offenbart, dass sich das Rollenverständnis des Heilberuflers hin zum Berater, Dienstleister und Gesundheitsmanager wandelt. Ein neues Image entsteht, welches durchaus positiv besetzt und eine adäquate Antwort auf das gesteigerte Anspruchsverhalten der zu Gesundheitskunden emanzipierten Patienten sein kann“, sagt Daniel Zehnich, Direktor des Bereichs Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik und Leiter der Studie. „Im Ergebnis sehen wir, dass Faktoren wie Digitalisierung, Spezialisierung, Kapitalisierung oder eben ein sich wandelndes Heilberufler-Patient-Verhältnis das ‚System Gesundheitsmarkt', wie wir es heute kennen, in den nächsten Jahren deutlich verändern werden“.
Ärztinnen wünschen sich Anstellung in Teilzeit
Die Befragung der Ärzte ergab vor allem unterschiedliche Präferenzen bei der Berufsausübung zwischen den Geschlechtern: So arbeitet die „typische“ Ärztin im Jahr 2030 als Angestellte im ambulanten Sektor: Die am häufigsten gewählte Berufsform bei den Frauen ist die Anstellung im MVZ (23 Prozent) – gefolgt von der Anstellung in einer Praxis (14 Prozent). Dabei hat Teilzeitarbeit eindeutig Vorrang (66 Prozent). Anders bei den männlichen Ärzten: Sie sehen sich vor allem selbständig in der Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) (20 Prozent). Doch fast genauso viele Mediziner wollen auch im Krankenhaus angestellt sein (19 Prozent). Dies sind in der Regel die fachärztlichen Kollegen. Immerhin ein Drittel der Männer kann sich vorstellen, im Jahr 2030 in Teilzeit zu arbeiten. Eine geschlechterspezifische Lücke tut sich auch bei den künftig erwarteten Gehältern auf: Frauen schätzen ihr Einkommen im Jahr 2030 im Median von 81.000 bis 100.000 Euro. Damit liegen sie um einiges niedriger als Männer mit 141.000 bis 160.000 Euro.
Die Befragung der Zahnärzte zeigt, dass sowohl Frauen als auch Männer die Selbständigkeit künftig als die attraktivste Berufsausübungsform sehen – am ehesten werden dabei Kooperationen gewählt: Sowohl Zahnärzte (35 Prozent) als auch Zahnärztinnen (23 Prozent) wollen vorrangig selbständig in einer BAG arbeiten. Ähnlich wie die Ärztinnen gehen über 60 Prozent der weiblichen Zahnärzte davon aus, dass sie 2030 in Teilzeit arbeiten werden. Drei Viertel der Männer planen in Vollzeit tätig zu sein. Größere Abweichung zeigen sich auch bei den in 2030 erwarteten Gehältern: Zahnärztinnen schätzen – ähnlich wie die Ärztinnen – das Einkommen im Median mit 81.000 bis 100.000 Euro deutlich niedriger ein als ihre männlichen Kollegen mit 121.000 bis 140.000 Euro.
49 Prozent der Apothekerinnen und 43 Prozent der Apotheker sehen sich im Jahr 2030 in einer nicht kurativen Tätigkeit außerhalb der Apotheke, zum Beispiel in der Forschung oder Industrie. Wird doch eine Tätigkeit als Apotheker in Betracht gezogen, präferieren Frauen 2030 eine Anstellung in einer Apotheke (23 Prozent). Nur neun Prozent von ihnen geben an, sich künftig mit einer Einzelapotheke selbständig machen zu wollen. Männer hingegen zieht es eher in die Selbständigkeit, dann aber mit einem Apothekenverbund (20 Prozent). Befragt nach den Gehältern, geben Apotheker niedrigere Werte an als die übrigen Heilberufsgruppen. So sehen sowohl Männer als auch Frauen im Median ein Einkommen zwischen 61.000 und 80.000 Euro für das Jahr 2030.
Ulrich Sommer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der apoBank, sieht mit der Studie das Drohen einer Versorgungslücke bestätigt. „Zwar gehen wir davon aus, dass ein Mehr an Digitalisierung Prozesse künftig effizienter und effektiver gestalten hilft, heilberufliche Leistungen von morgen sicher in Teilen auf andere Berufe im medizinischen Umfeld delegiert und sich an der Schnittstelle von ambulanter beziehungsweise stationärer Versorgung neue Arbeitsfelder für angehende Mediziner auftun werden. Dies allein wird jedoch unseren steigenden Bedarf an Gesundheitsleistungen nicht decken - zu sehr treiben die Demografie, die steigende Multimorbidität und die Ansprüche der 'Gesundheitskunden' die Nachfrage“. Man brauche also mehr Köpfe in den Heilberufen. Um die gewinnen zu gewinnen, müssten Politik und Standesorganisationen schon heute an anderen Rahmenbedingungen und Versorgungsstrukturen arbeiten, so Sommer.

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