Interview: Das Gesundheitswesen muss zusammenwachsen!

27.02.2018, medhochzwei
Hintergrund, Veranstaltungen, Politik & Wirtschaft, Management, Interviews, Krankenversicherung

Claudia Küng, Geschäftsführerin der WISO S. E. Consulting GmbH, spricht im Interview mit medhochzwei über den Gesundheitskongress des Westens, der am 13. und 14. März in Köln stattfindet. medhochzwei: Das Motto des GdW lautet diesmal „Das Gesundheitswesen muss zusammenwachsen!“ Ist es denn so gespalten?
Claudia Küng: Es gibt schon ein paar ganz grundlegende Friktionen: Zunächst einmal haben wir mit den Sektoren in Deutschland etwas historisch Gewachsenes, das – wie viele Untersuchungen zeigen – für die Patienten heutzutage oft von Nachteil, aber darüber hinaus auch noch verschwenderisch teuer ist. Integrierte Versorgung über diese Grenzen hinweg ist seit langem ein Ziel, aber wir kommen ihm kaum wirklich näher. Oder nehmen wir den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich: Die Krankenkassen sind da in einem erbitterten Clinch und streiten über die Frage von „Fairness“. In der Krankenhausfinanzierung sind Bund und Länder recht weit voneinander entfernt. Und schließlich die Digitalisierung: Niemand wird bestreiten, dass da mehr möglich wäre, wenn sich alle Beteiligten einig wären. Also: Wenn wir mehr Versorgungsqualität wollen, dann brauchen wir schon mehr mannschaftliche Geschlossenheit, wie ein Fußballtrainer sagen würde.
Das sind ja, wie Sie selbst sagen, Problemfelder, die es seit langem gibt. Kann denn der GdW da jetzt Neues liefern?
Küng: Aber ja. Beispielsweise haben die beiden größten Bundestagsfraktionen bei ihren Koalitionsgesprächen verabredet, dass eine Arbeitsgruppe aus der Politik von Bund und Ländern Vorschläge für eine sektorenübergreifende Versorgung machen soll. Eigentlich eine Aufgabe der Selbstverwaltung. Nun zieht der Gesetzgeber Kompetenzen an sich. Der Kongress wird sich damit natürlich intensiv beschäftigen. Wir schauen uns auch eine neue Studie an, nach der Patienten in Krankenhäusern liegen, statt in Reha zu gehen.  Bisher war immer nur von der sogenannten „blutige Entlassung“ die Rede. Dieses Problem an der Sektorengrenze kommt jetzt  mit neuen, manifesten Zahlen hinzu. Und beim Morbi-RSA sind wir ja ohnehin mitten in der Debatte über eine Reform und wie sie aussehen sollte, ein entsprechendes Gutachten ist ja gerade erst veröffentlicht worden. Last, but not least: Der Kongress findet in NRW statt und das Land bringt gerade eine Neuordnung seiner bisherigen Krankenhauspolitik auf die Bahn. Gesundheitsminister Laumann, der den Kongress auch eröffnet, will Schluss machen mit Unterfinanzierung – vielleicht ja mit Signalwirkung für andere Länder, das wird sich zeigen.
Das klingt ja nach prominenten Referenten!
Küng: Da haben Sie recht. Aus dem Bundesgesundheitsministerium kommt Staatssekretär Lutz Stroppe, aus Nordrhein-Westfalen außer Gesundheitsminister Laumann auch Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart, vom Gemeinsamen Bundesausschuss der Unparteiische Vorsitzende Josef Hecken, von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung der Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen und vom Bundesversicherungsamt dessen Präsident Frank Plate. Es sind Chefs großer Krankenkassen und Kassenärztlicher Vereinigungen dabei und ebenso Wissenschaftler aus dem Sachverständigenrat Gesundheit. Die Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen.
Das klingt alles nach hoher Politik. Was hat der Gesundheitskongress des Westens dem Manager eines Krankenhauses zu bieten oder den Mitarbeitern in der Pflege?
Küng: Eine Veranstaltung, auf die ich mich persönlich sehr freue, betrifft die Prozessoptimierung in Krankenhäusern. Ein Mitarbeiter der Qualitätssicherung des Automobilherstellers Ford befand sich einige Zeit wegen einer schweren Erkrankung in Krankenhausbehandlung. Er sah vieles, was rationeller und effizienter hätte gehen können. Nach seiner Genesung initiierte er ein gemeinsames Projekt von Ford und dem Krankenhaus, in dem die Krankenhausabläufe so rationalisiert wurden, wie sie es in der Autoindustrie schon lange sind. Wir haben den Mann auf dem Podium. Eine andere Session wird es dazu geben, wie sich Krankenhäuser auf Terror und Katastrophen vorbereiten, denn das wird ja leider immer wichtiger. Und für die Pflege ist natürlich das Thema Personal ganz, ganz wichtig: Wir schauen uns Konzepte für eine intelligente Arbeitsverteilung im Krankenhaus an, bei der die Teams nach differenzierten Kombinationen von Qualifikationen und akademischen Ausbildungen zusammengesetzt werden; man spricht von Skill- und Grade-Mix. Auch neue Ausbildungsformen und die Frage, wie man qualifizierte Mitarbeiter nicht nur gewinnt, sondern auch hält, werden vorgestellt.
Wo bleiben bei einem solchen Kongress eigentlich die Patienten?
Küng: Gerade dazu haben wir auch eine sehr interessante Veranstaltung. In unserem Gesundheitswesen treffen in der Tat Experten die Entscheidung über die Ziele und damit auch über die Verwendung der Mittel, also die Frage, was dem Patienten bezahlt wird und was nicht. Wir befinden uns aber gerade am Anfang einer gesellschaftlichen Debatte, ob das so sein darf – oder ob nicht die Patienten beziehungsweise die Allgemeinheit Prioritäten festlegen sollten für medizinische Leistungen. Ein Beispiel: Wenn Spenderorgane knapp sind – soll derjenige ein Implantat bekommen, der bereits schwerer erkrankt ist, oder derjenige, der mit dem Implantat länger leben wird? Bei uns entscheiden so etwas nur Fachleute und das hat etwas von Rationierung. Dabei spricht gar nichts dagegen, wenn Prioritäten in einem gesellschaftlichen Diskurs festgelegt werden. In Schweden ist das heute schon Realität. Und ich finde es sehr gut, dass eine solche wichtige Debatte auch auf dem Gesundheitskongress des Westens geführt wird.

Anzeige