„Krankenhaus Rating Report 2018“: Regulierung in der Pflege kann Versorgung gefährden

26.06.2018, René Adler
Aktuelles aus dem Verlag, Management, Politik & Wirtschaft, Pflege, Hintergrund

In finanzieller Hinsicht fällt der „Krankenhaus Rating Report 2018“ zwiespältig aus. Im Jahr 2016 lagen nur noch sieben Prozent der Kliniken im „roten Bereich“ mit erhöhter Insolvenzgefahr und 84 Prozent im „grünen Bereich“. Trotz guter Ertragslage blieb jedoch die Kapitalausstattung der Kliniken weiterhin unzureichend.
 
Eine noch größere Herausforderung in Kliniken wie Pflegeheimen stellt nach Überzeugung der Autoren die abnehmende Zahl verfügbarer Fachkräfte dar, die zu einer Rationierung von Leistungen führen könnte. Deshalb müssten unter anderem Innovationen im Bereich der Digitalisierung und Robotik viel stärker vorangetrieben werden als bisher, schreiben sie in der 14. Ausgabe des im medhochzwei-Verlag erschienenen Reports, der beim „Hauptstadtkongress 2018 - Medizin und Gesundheit“ in Berlin vorgestellt wurde. Gemeinsam erstellt haben ihn das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und die Institute for Healthcare Business GmbH (hcb) in Kooperation mit Deloitte. Der Report basiert auf einer Stichprobe von Jahresabschlüssen, die mehr als 860 Kliniken umfassen.

160.000 Vollkräfte drohen zu fehlen
 
Im vergangenen Vierteljahrhundert sei es zwar gelungen, den Personalbestand im Krankenhaus der Leistungsmenge anzupassen. Durch den demografischen Wandel werde in den nächsten Jahren jedoch die Zahl der Patienten und pflegebedürftigen Menschen weiter steigen. Die Wissenschaftler haben berechnet, dass bei Fortschreibung des Status quo bis 2025 voraussichtlich zusätzlich 80.000 Vollkräfte in den medizinischen Diensten der Kliniken und weitere 80.000 Pflegefachkräfte in der Altenpflege benötigt würden. Die Demografie-Falle sei eine doppelte, da die Zahl der Menschen zwischen 20 und 65 Jahren gleichzeitig kontinuierlich sinken werde, im Zeitraum von 2015 bis 2025 um vier Prozent.
 
Entsprechend nehme der Engpass an Fachkräften klar zu und es werde äußerst schwierig, den Personalbestand weiterhin in ausreichendem Maße analog zur Leistungsmenge anheben zu können „Arbeitssparende technische Innovationen werden immer wichtiger, um Ärzte und Pflegekräfte zu entlasten“, sagte Autor Prof. Boris Augurzky, Leiter des RWI-Kompetenzbereichs Gesundheit. „Darunter fallen zum Beispiel Innovationen aus den Bereichen Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Robotikassistenz, Sensorik, Ambient Assisted Living und Telemedizin. Der derzeitige Digitalisierungsgrad deutscher Krankenhäuser ist dabei noch äußerst bescheiden.“

Bündel von Maßnahmen für mehr Pflegepersonal

Um das Angebot an Pflegefachkräften zu erhöhen, müssten mehr Nachwuchs für den Beruf gewonnen, die Zahl der Berufsrückkehrer erhöht, die Wochenarbeitszeit von Teilzeitkräften ausgeweitet und qualifizierte Zuwanderung forciert werden. Hierzu seien vielfältige Maßnahmen zu ergreifen. So sollen ein Zuwanderungsgesetz erarbeitet, die Attraktivität der Ausbildung und generell der Gesundheitsberufe gesteigert, interessante Karrierewege für Pflegeberufe sowie neue Berufsbilder geschaffen und die gegenwärtigen starren hierarchischen Strukturen aufgebrochen und bürokratische Tätigkeiten abgebaut werden.

Die zunehmende Knappheit an qualifizierten Fachkräften werde zwangsläufig zu einem höheren Lohnniveau führen, sind die Experten überzeugt. Ferner gelte es, die Ambulantisierung der Medizin über Anpassungen am Vergütungssystem zu unterstützen, umso mehr Zeit für die Betreuung stationärer Patienten zu gewinnen.
 
Ambivalent werden die Pläne der Bundesregierung bewertet. Einerseits sehe die schwarz-rote Koalition einige Maßnahmen vor, die geeignet seien, das Bemühen um mehr Pflegekräfte zu unterstützen. „Andererseits beabsichtigt sie, durch regulierende Maßnahmen im Bereich der Pflege die Personalknappheit sogar noch zu verschärfen, beispielsweise durch die Einführung von Personaluntergrenzen in Krankenhäusern“, kritisieren die Autoren scharf. Probleme in der Pflege können aus Sicht der Wissenschaftler nicht durch noch mehr Regulierung gelöst werden. Stattdessen raten sie dazu, die Pflegequalität der Krankenhäuser für die Patienten transparent zu machen und damit die Bedeutung der Pflege aufzuwerten.

Je höher der Grad der Spezialisierung, desto besser der Casemix-Index der Kliniken.
Quelle: Krankenhaus Rating Report 2018

Im Jahr 2015 hatten sich noch neun Prozent der Kliniken (zwei Punkte mehr als 2016) im „roten Bereich“ mit erhöhter Insolvenzgefahr befunden, 79 Prozent lagen im „grünen Bereich“. Dass 2016 nur 13 Prozent der Krankenhäuser auf Konzernebene einen Jahresverlust schrieben, dokumentiert die gute Ertragslage in dem Jahr. Das durchschnittliche Jahresergebnis stieg auf 2,8 Prozent der Erlöse, nach 1,8 Prozent im Jahr 2015. Im Jahre 2016 waren zudem 67 Prozent der Kliniken voll investitionsfähig. Dennoch beläuft sich der jährliche Investitionsbedarf (ohne Universitätskliniken) auf rund 5,8 Milliarden Euro. Dem stehen Fördermittel der Bundesländer in Höhe von nur 2,8 Milliarden Euro gegenüber. Somit beträgt die Jahres-Förderlücke drei Milliarden Euro.

Strukturfonds sorgt für regionale Dynamik

Ökonomisch gibt es nach wie vor ein Ost-West-Gefälle. In den ostdeutschen Bundesländern war die wirtschaftliche Lage der Kliniken auch 2016 wieder am besten, am schwierigsten gestaltete sie sich in Niedersachsen/Bremen, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg. „Die Krankenhausstrukturen sind nach wie vor in einigen Regionen ungünstig, es gibt eine hohe Standortdichte, viele kleine Einheiten und eine geringe Spezialisierung. Allerdings zeigt sich inzwischen eine positive Dynamik, unter anderem entfacht durch den Strukturfonds“, sagte Dr. Sebastian Krolop, Leiter Life Sciences & Health Care bei Deloitte.

Nach Trägern gehe es den privaten und freigemein­nützigen Häusern weiter klar besser als den kommunalen, so Krolop: „Dabei arbeiten kommunale Krankenhäuser in armen Landkreisen wirtschaftlich. Unwirtschaftlich sind kommunale in reichen Landkreisen.“ Die Kapazitäten haben sich 2016 gegenüber dem Vorjahr nur wenig verändert. Die Zahl der Kliniken ging um 0,3 Prozent auf 1.951 zurück. Die durchschnittliche Verweildauer der Patienten sank weiter auf unter 7,3 Tage, die Fallzahl stieg um 1,5 Prozent.

Zum ersten Mal wurden im diesjährigen „Krankenhaus Rating Report“ Daten der Initiative Qualitätsmedizin analysiert. Als Qualitätsmaß wurde auf die (standardisierte) Sterblichkeitsrate zurückgegriffen. Das Ergebnis: Bei kleinen Fallzahlen waren die Ausschläge sowohl nach oben als auch nach unten deutlich stärker als bei größeren Fallzahlen. Dies deute darauf hin, dass in kleinen Einrichtungen ein gutes oder schlechtes Ergebnis eher dem Zufall geschuldet sei. Die kleinste Fallzahlkategorie habe manchmal, jedoch nicht immer, einen im Durchschnitt schlechteren Wert als alle anderen Fallzahlkategorien.

„Gesundheitsagenda 2025“ mit Handlungsoptionen

Ihre Hausaufgaben für die Politik haben die Autoren der Studie abschließend in einer „Gesundheitsagenda 2025“ zusammengefasst:

  1. Sie fordern Antworten auf den zu erwartenden weiter wachsenden Fachkräftemangel.
  2. Das Gesundheitswesen sollte in das digitale Zeitalter überführt werden, unter anderem durch eine standardisierte elektronische Patientenakte, Telemedizin, künstliche Intelligenz und Robotik. Dabei könnte zum Beispiel Robotikassistenz Pflegekräften mehr Zeit für die menschliche Zuwendung ermöglichen.
  3. Das Gesundheitswesen sollte durch eine Reform des Gemeinsamen Bundesausschusses offener für Innovationen werden.
  4. Die Lücke bei den Investitionsfördermitteln im Krankenhausbereich sollte geschlossen werden, um auf schwierigere Zeiten in den 2020er-Jahren vorbereitet zu sein.
  5. Zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit sollte die Notfallversorgung neu ausgerichtet werden, wozu eine effektive Patientensteuerung gehört.
  6. Die Qualitätstransparenz sollte - auch und gerade sektorenübergreifend - konsequent weiter ausgebaut und für die Patienten zum Beispiel über digitale Angebote nutzbar gemacht werden.
  7. Die sektorenübergreifende Versorgung und die Ambulantisierung der Medizin sollten gefördert werden, wozu Adjustierungen am Vergütungssystem erforderlich seien. Empfohlen werden Vergütungsmodelle mit Qualitätszielen, welche die Gesamtverantwortung für die Versorgung einer Region in eine Hand legen. Damit ließe sich eine sektorenübergreifende Versorgung etablieren, die konsequent am Patientennutzen ausgerichtet ist.

Wie groß der Handlungsbedarf sei, zeige auch eine andere Erkenntnis: Bei weitgehend gleichbleiben­den Bedingungen würde sich nach Berechnung der Autoren bis 2025 der Anteil der Krankenhäuser mit einem erhöhten Insolvenzrisiko nahezu vervierfachen: von 6,8 Prozent im Jahr 2016 auf 23 Prozent.

VKD sieht Positionen bestätigt

Der Report hat den Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD) in seinen Einschätzungen zur aktuellen Lage der Kliniken bestärkt – auch in den Positionen zur Verbesserung der Zukunftsfähigkeit in der stationären Versorgung. In der ungenügenden Kapitalausstattung, die auch für die dürftige Digitalisierung verantwortlich sei, und der demografischen Entwicklung lägen wesentliche Gründe für den sich seit Jahren aufbauenden Fachkräftemangel. Dieser habe sich trotz großen Engagements der Kliniken weiter verschärft, kommentierte VKD-Präsident Dr. Josef Düllings.

„Der Krankenhaus Rating Report 2018 zeigt noch einmal ganz deutlich, welches große Rad die Politik und alle an der Versorgung Beteiligten drehen müssen, wenn wir auch morgen in diesem Land noch eine Gesundheitsversorgung auf hohem Niveau garantieren wollen. Wir brauchen ein Konzept, das nicht nur einzelne Baustellen in Angriff nimmt“, verlangte Düllings. „Reparatureinsätze“ der Bundesregierung wie die Eckpunkte für Verbesserungen in der Pflege seien zu begrüßen. Das notwendige Zukunftskonzept müsse aber weit über die im Koalitionsvertrag festgehaltenen Punkte hinausgehen und die Komplexität der Gesundheitsversorgung von morgen mit den Krankenhäusern als Anker des Systems in den Blick nehmen. Es gebe viele gute Projekte, Modelle und Ideen in allen Bereichen des Gesundheitswesens. Düllings schloss: „Wir haben das Know-how, ein solches Zukunftskonzept gemeinsam zu erarbeiten und umzusetzen. Das ist nun wirklich alternativlos!“

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