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Neuer BARMER Arzneimittelreport 2018 vorgestellt - Schwerpunktthema: Vermeidbare Arzneimittelrisiken und Patientensicherheit

05.07.2018, Dr. Monika Sinha, Welt der Krankenversicherung
Krankenversicherung, Politik & Wirtschaft

Für 78 Prozent der BARMER-Versicherten wurden im Jahr 2017 Arzneimittel verordnet. Durchschnittlich belaufen sich die Kosten pro Versicherten auf 640 € im Jahr. Alters- und geschlechtsstandardisiert liegen beispielsweise die Arzneimittelausgaben für Versicherten in Sachsen-Anhalt um 50 Prozent höher als die Ausgaben pro Versicherten in Bremen. Gegenüber dem Vorjahr ist eine Ausgabensteigerung pro Versicherten um vier Prozent festzustellen. Für ein Prozent der Versicherten müssen 40 Prozent der Arzneimittelausgaben aufgewendet werden, Treiber der Ausgabensteigerungen sind Biologika, nicht nur in der Onkologie, auch bei der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen.

Im Jahr 2016 hat jeder 5. Bundesbürger fünf oder mehr Medikamente eingenommen. Mit jedem Medikament mehr erhöht sich aber das Risiko von Arzneimittelwechselwirkungen erheblich. Jeder vierte über 65jährige BARMER-Versicherte erhielt im Jahr 2016 ein Medikament der PRISCUS-Liste: Hierbei handelt es sich um Medikamente, die nach Experteneinschätzung nicht für diese Altersgruppe empfehlenswert sind. Ein Beispiel ist Methotrexat, ein Wirkstoff, welcher in der Krebs- und Rheumatherapie eingesetzt wird. Obwohl dieser bei Patienten mit starker Niereninsuffizienz nicht eingesetzt werden dürfte, erhielten 1.400 BARMER-Versicherte diesen Wirkstoff. „Angesichts der Sicherheitslücken in der Arzneimitteltherapie geht es nicht um Schuldzuweisungen in Richtung Ärzte. Fehlende Verfügbarkeit wichtiger Informationen für Behandlungsentscheidungen, Sprachbarrieren oder unvollständige Medikationspläne können zu vermeidbaren Risiken bei der Arzneimitteltherapie führen. Die Patientinnen und Patienten müssten besser vor diesen Risiken geschützt werden, betont Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER. Gerade die Gesamtmedikation, also auch die Medikation von Fachärzten, zu überblicken, sei für Hausärzte äußerst schwierig, führt Prof. Dr. Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken, aus: im Jahr 2016 seien 1.860 Wirkstoffe zum Einsatz gekommen, in 454.012 Kombinationen von zwei Arzneimittelwirkstoffen. Ohne Hilfssysteme könnten die Risiken dieser vielen Arzneimittelkombinationen nicht genau eingeschätzt werden. Hier setzt das Innovationsfondsprojekt „AdAM - Anwendung für digital unterstütztes Arzneimitteltherapie-Management“ der BARMER und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe an. Dem Hausarzt als Gatekeeper werden die Arzneimitteldaten seines Patienten zur gesamten Arzneimitteltherapie, also auch jene Arzneimittel, die für seinen Patienten von anderen, konsultierten Fachärzten verordnet wurden, seitens der BARMER übermittelt. Voraussetzung ist, dass der Patient in die Datenübermittlung eingewilligt hat. Somit würde die Übersicht für den Hausarzt deutlich erleichtert. Der Hausarzt erhalte zusätzlich Hinweise auf potenziell vermeidbare Risiken der Therapie. Auf dieser Basis kann er die für seine Patienten die richtige und sicherste Therapie festlegen. Ziel sei gemäß Prof. Dr. Daniel Grandt, dass das Projekt Eingang in die Regelversorgung findet und somit 20 Millionen Patienten mit Polymedikation davon profitieren könnten.