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Fachkräftemangel in der Pflege

29.08.2018, René Adler, Fachredakteur medhochzwei Verlag
Veranstaltungen, Pflege

Experten diskutierten am Stand des medhochzwei Verlags über den Fachkräftemangel in der Pflege

„Wir versündigen uns an den Mitarbeitern“
Das Thema Pflege spielte beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2018 eine deutlich größere Rolle als in den vergangenen Jahren, auch am Stand des medhochzwei Verlags. Experten diskutierten unter anderem über die Frage: „Herausforderung Fachkräftemangel in der Pflege – Gibt es gute Strategien?“ Bei der von Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt von der Universität Köln moderierten Session wurde schnell klar: Dass die neue Bundesregierung mit Jens Spahn (CDU) als Gesundheitsminister der Pflege einen höheren Stellenwert einräumt, war überfällig.
Franz J. Stoffer, Geschäftsführer von FJS Consulting Balance, beklagte zum Auftakt eine 30-prozentige Unterbesetzung der Pflege, die er bereits 1991 festgestellt und öffentlich kommuniziert hat. Dies sei der eigentliche Skandal, dass seit dieser Zeit so gut wie nichts in personeller Verbesserung geschehen sei. Die Pflegekräfte seien deshalb irgendwann ausgebrannt und würden aus dem Beruf ausscheiden. „Und dann dürfen wir uns nicht wundern, dass wir diese unverantwortliche Situation in der Pflege haben, über die sich seit 27 Jahren aus der Politik niemand aufgeregt hat“, sagte der Experte.
Diese für Bewohner*innen und Mitarbeitende unhaltbare Situation in den Altenheimen ließe sich nach seiner Überzeugung sofort wirksam verbessern, wenn in jeder Gruppe ein oder zwei Mitarbeiter*innen mehr zur Verfügung stünden. „Wenn wir allerdings so weitermachen, müssen wir demnächst alte Menschen exportieren, weil wir keine Pflegekräfte mehr haben“, malte Stoffer ein düsteres Szenario an die Wand. „Wir müssen die drei berüchtigten S – satt, sauber und still – ablösen durch die drei Z – Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit.“
In Rheinland-Pfalz hat man schon 2003 eine Pflegekräfte-Initiative „Menschen pflegen“ gestartet, um den Beruf attraktiver zu machen. „Es kann ja nicht sein, dass ich sage, ich finde das Personal nicht mehr, also pflege ich mit weniger oder weniger qualifizierten Mitarbeitern“, so Ingeborg Germann, Referatsleiterin im Gesundheitsministerium. „Da braucht es intelligente Dialoge, die wir seit 2003 auf der Agenda haben, die aber nicht zu den erhofften Ergebnissen geführt haben“, musste sie zugeben.
 
„Für die Pflege ist es drei nach zwölf“
„Die Work-Life-Balance ist wichtiger als das Gehalt“, stellte Prof. Dr. Uwe Bettig fest. Es gebe auch zu wenig Aufstiegsmöglichkeiten, bemängelte der Rektor der Alice Salomon Hochschule Berlin und mahnte schnelle Veränderungen an. „Für die Pflege ist es nicht fünf vor zwölf, sondern drei nach zwölf“, meinte der Wissenschaftler. 
Ein großes Problem, so Stoffer, sei der Mangel an professionellen Führungskräften. So werden oft gute Pflegefachkräfte mit Führungsaufgaben betraut, denen sie häufig nicht gewachsen sind, dann scheitern und aussteigen. Hier versündigt sich das Management an den Mitarbeiter*innen, wenn die Stärken und Kompetenzen nicht erkannt werden. Fachkompetenz bedeutet noch lange nicht Führungskompetenz. Die Pflege brauche eine werteorientierte Unternehmens- und Führungskultur: „Missstände in der Pflege gibt es in der Regel dort, wo diese nicht vorhanden ist. Wie man innen miteinander umgeht, wird man auch von außen wahrgenommen. Was Unternehmen bei Mitarbeitern falsch machen, können sie beim Kunden nicht besser machen. Wer ein schlechter Arbeitgeber ist, disqualifiziert sich auch als Anbieter. Nur zufriedene Mitarbeiter können auch gute Gastgeber sein.“
Heimträger müssten Fach- und Führungskräfte stärker selbst ausbilden, Kooperationen mit Schulen, Universitäten eingehen, Praktika anbieten und das Berufsfeld Pflege öffentlich stärker kommunizieren.

Modellprojekt „Gemeindeschwesterplus
Moderator Schulz-Nieswandt sprach das Modellprojekt „Gemeindeschwesterplus" in Rheinland-Pfalz an. Die Landesregierung startete es im Juli 2015 als neues Angebot für hochbetagte Menschen, die noch keine Pflege brauchen, aber Unterstützung und Beratung in ihrem aktuellen Lebensabschnitt. Damit setzte Rheinland-Pfalz als erstes Bundesland einen Beschluss der Arbeits- und Sozialministerkonferenz um. Diese empfahl, als wichtiges Element vor der Pflege das „Kümmern“ stärker zu beachten.
Es gebe viel Kritik der Opposition an „Gemeindeschwesterplus“, so der Moderator. Nach dem Motto: Jetzt nehmt ihr Pflegepersonal als Stadtteil-Kümmerer, und die Leute fehlen uns dann. „Aber ist das nicht die einzige Perspektive, damit die Leute 40 Jahre im Sektor bleiben – aber nicht 40 Jahre am Bett, sondern alle zehn Jahre etwas Anderes machen?", fragte er die Referatsleiterin aus dem Ministerium.
„Ja, das sind erfahrene Pflegekräfte, die gar nicht mehr am Bett arbeiten können, weil sie die körperlichen Voraussetzungen nicht mehr haben“, stimmte Germann zu. „Gemeindeschwesterplus“ sei ein Projekt der präventiven, aufsuchenden Beratung. Auf Wunsch gingen Pflegekräfte zu Menschen über 80 Jahren und betrachteten mit ihnen ihre Lebenssituation. Es gehe darum, die persönliche und häusliche Situation eines Menschen einzuschätzen. „Ich kann sehen, ob die Versorgungssituation einigermaßen gesichert ist, ob es regelmäßige Mahlzeiten gibt – und was man gegen die Vereinsamung einbringen kann“, sagte sie. „Wir haben gesehen, dass dies sehr viele alte Menschen trifft. Und diesen Blick haben nur erfahrene Pflegefachkräfte.“ Andere hätten weder den umfassenden Blick noch die Akzeptanz bei den alten Menschen. „Eine erfahrene Pflegekraft ist das Qualitätsmerkmal in diesem Projekt“, betonte Germann.
 
„Es braucht Alternativen zur Arbeit am Bett“
„Wir merken bei den Bewerbungen deutlich: Ich will nicht mehr am Bett arbeiten, ich will aus dem Schichtsystem raus. Nicht jeder hält das bis zur Rente durch – laut Studien sind es nur zwischen sieben und 15 Jahren“, fügte Bettig hinzu. Man müsse dringend nach Möglichkeiten suchen, um die Leute im System zu halten. Dafür seien Pflegemanagement-Kompetenzen wichtig, und er sei auch ein Befürworter der Akademisierung der Pflege: „Wir werden in Zukunft gar nicht an gemischten Teams mit akademisierten Kräften, Ausgebildeten und Pflegehilfskräften vorbeikommen, die gemeinsam nach Lösungen suchen und die Pflege insgesamt voranbringen.“
Für Germann gilt es, ein flächendeckendes Kinderbetreuungssystem aufzubauen, dies sei eine zentrale Frage. Man müsse intelligente Teilzeitmodelle anbieten, die an den Bedürfnissen der Pflegekräfte orientiert sind und nicht an der Optimierung des Pflegeplans. Stoffer forderte darüber hinaus neue Wohn- und Pflegekonzepte – Haus- und Wohngemeinschaften – mit multiprofessionellen Teams, orientiert an den Bedarfen, Wünschen und Lebensgewohnheiten älterer Menschen, vernetzt mit dem Sozialraum unter Beteiligung der Bürger im Sinne einer „mitsorgenden“ Gesellschaft.
Bettig sprach das Thema Geld an. „Wir müssen irgendwann an die Bezahlung ran, anders wird man das Problem nicht lösen können“, sagte er. „Bei 1.000 Euro mehr im Monat hätte man einen leichteren Zugang zu potentiell Interessierten.“ Es führe kein Weg an einer besseren Bezahlung vorbei. „Nur 59 Prozent der Altenheime zahlen nach Tarif – das geht nicht“, pflichtete Stoffer bei. „Wenn 88 Prozent der Mitarbeiter sagen, sie würden gerne in der Pflege arbeiten, aber die Rahmenbedingungen stimmen nicht, dann müssen wir doch die Rahmenbedingungen ändern und nennt hier neben angemessener Vergütung Wertschätzung, Beteiligungen, kürzere Dienstzeiten – nicht elf Tage am Stück –, flache Hierarchien, mehr Autonomie und Verantwortung für einzelne Mitarbeitende, Rückkehrprogramme für die vielen tausend Mitarbeitende, die der Pflege bereits verloren gegangen sind.“

Kritik an Spahn: „Ich halte das für unrealistisch“
Die Experten bezweifelten, dass Minister Spahn der große Wurf gelingt. „Wir kriegen die Stellen nicht besetzt, aber der Gesundheitsminister sagt, wir organisieren 13.000 zusätzliche Pflegekräfte“, sagte Bettig. „Ich halte das für unrealistisch“. Solange wir nicht inhaltlich etwas verändern und die Leute dafür begeistern, können wir die Stellen nicht besetzten, egal ob es 10.000, 15.000 oder 100.000 sind.“
 

René Adler, Fachredakteur medhochzwei Verlag, rene.adler@t-online.de

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