2. Heidelberger Forum Gesundheitsversorgung: Türen durch die Sektoren-Mauern

11.02.2019, Hans-Bernhard Henkel-Hoving
Aktuelles aus dem Verlag, Veranstaltungen, Krankenversicherung

Das Thema gehört zu den Dauerbaustellen des deutschen Gesundheitswesens: Wie lassen sich die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, zwischen Prävention, Kuration, Reha und Pflege überwinden? Darüber diskutierten auf Einladung des medhochzwei Verlages renommierte Experten auf dem 2. Heidelberger Forum Gesundheitsversorgung.
„Vernetzung und Kooperation im Gesundheitswesen – auf dem Weg in eine sektorübergreifende Versorgung?“ lautete der Titel der Veranstaltung in der Heidelberger Print Media Academy, zu der medhochzwei-Geschäftsführerin Julia Rondot gemeinsam mit Rolf Stuppardt, Herausgeber der „Welt der Krankenversicherung“, und Co-Moderatorin Dr. Annette Mehler rund 90 Gäste begrüßen durfte. Und obwohl das Thema ein „Dauerbrenner“ ist (O-Ton Rondot) – Rolf Stuppardt befasste sich bereits in den 1970er Jahren beruflich damit – hat die Überwindung der Sektorengrenzen bis heute nichts von seiner Aktualität und Bedeutung verloren – im Gegenteil.
Denn wie Dr. Monika Vierheilig vom Stuttgarter Sozialministerium in ihrer Keynote zu Beginn der Veranstaltung am Freitag deutlich machte, ist das Überwinden der „Mauern“ zwischen dem ambulanten und stationären Bereich aus gutem Grund ein „zentrales Anliegen“ der baden-württembergischen Landesregierung. Vor allem ältere, multimorbide und chronisch kranke Patienten drohten trotz aller Bemühungen nach wie vor „im System unterzugehen“. Gerade bei dieser Patientengruppe stocke vielfach der Informationsfluss zwischen Kassen, Ärzten, Kliniken und anderen Leistungserbringen. Die Folge seien unnötige Doppeluntersuchungen oder nicht aufeinander abgestimmte Behandlungsansätze.
Aufhorchen ließ in Heidelberg ein Vorschlag von DAK-Vorstandschef Andreas Storm, um die in seinen Augen „festungsartige Verbunkerung“ der Sektoren aufzubrechen. Der Kassenmanager plädierte dafür, circa zehn Prozent der sektorspezifischen Leistungsausgaben in ein sektorübergreifendes Budget zu überführen und dieses Geld bis 2025 gezielt in den Aufbau integrierter Versorgungsstrukturen in zwei bis drei Modellregionen zu investieren – entsprechende Einsparungen an anderer Stelle, etwa durch eine Reform der Notfallversorgung, vorausgesetzt.
Dass die Digitalisierung ein „Game-Changer“ bei der Überwindung der Sektorengrenzen sein kann, wie TK-Vorstandsvize Thomas Ballast es ausdrückte, machte Silver Mikk vom estnischen Startup-Unternehmen „Dermtest“ deutlich. Die kleine baltische Republik mit circa 1,3 Millionen Einwohnern hat seit der Unabhängigkeit von Russland konsequent auf die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und des Gesundheitswesens gesetzt. Ob Arbeitsverträge, Steuererklärung oder Führerscheinanträge – von wenigen Ausnahmen abgesehen können Esten alle Unterschriften mit ihrem elektronischen Personalausweis leisten.
Seit etwa 15 Jahren verfolgen die Esten darüber hinaus eine konsequente E-Health-Strategie im Gesundheitswesen. So verfügen alle Einwohner über eine elektronische Patientenakte, lösen Arzneimittelrezepte nur noch elektronisch ein und können im Notfall sicher sein, dass in den mit Tablet-Computern ausgestatteten Rettungswagen der persönliche Notfall-Datensatz in digitaler Form vorliegt.
Doch die Esten sind ehrgeizig. „Wir wollen eine Seamless Society werden“, stellte Mikk fest. Eine solche „nahtlose Gesellschaft“ wartet in Gestalt des Staates nicht mehr darauf, bis junge Eltern das Kindergeld beantragt haben. Vielmehr meldet sich künftig die öffentliche Verwaltung aufgrund der proaktiven Haltung des Staates von sich aus bei den Erzeugern des jungen Erdenbürgers, gratuliert zur Geburt und überweist das Kindergeld.
Erfolgreich über Sektorengrenzen hinweg etabliert hat sich ebenso die Uniklinik Heidelberg, die mit zahlreichen kleineren Häusern und Arztpraxen in der Region kooperiert und sich so auf die Behandlung medizinisch anspruchsvoller Fälle konzentrieren kann, wie die stellvertretende Vorstandschefin Irmtraut Gürkan erläuterte.
Während Dr. Christopher Hermann von der AOK Baden-Württemberg („Zentralistische Vorgaben aus Berlin helfen den Akteuren vor Ort nicht weiter“), Biggi Bender von den Ersatzkassen („Manchmal fehlen schlicht die Rechtsgrundlagen“), Dr. Norbert Metke von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg („Ich bin ein großer Fan von Patientensteuerung“) und Patientenvertreter Dr. Martin Danner („Mit dem Innovationsfonds evaluieren wir Versorgungskonzepte“) unter der Leitung von Prof. Dr. Herbert Rebscher engagiert über Möglichkeiten diskutierten, wie sich die Sektorengrenzen zumindest etwas durchlässiger gestalten lassen, brach Andreas Westerfellhaus auf dem Heidelberger Forum eine Lanze für die Pflege. Wer Sektorengrenzen überwinden wolle, komme an der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen nicht vorbei, stellte der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung klar. Die Pflege könne und wolle mehr Verantwortung in der Versorgung von Patienten übernehmen. Konkurrenz brauche die Ärzteschaft angesichts des gravierenden Personalmangels dabei nicht zu fürchten, so Westerfellhaus.

 


Bilder: Bettina Gentner, © medhochzwei Verlag GmbH

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