Die besondere Veranstaltung beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2019: Digitalisierung – Wendepunkt in der Diabetesversorgung

11.06.2019, Rolf Stuppardt, Welt der Krankenversicherung
Veranstaltungen, Politik & Wirtschaft, Krankenversicherung

V. l. n. r. Dr. Annette Mehler (Moderatorin), Christian Klose, Andreas Storm, Dr. Gertrud Demmler, Dr. Jens Kröger, Alexander Fröhlich

Die digitale Transformation im Gesundheitswesen ist mächtig auf dem Vormarsch. Gesundheitsminister Spahn erhöht durch sein neues Digitale Versorgung Gesetz (DVG) die Schlagzahl und krempelt Prozesse und Strukturen um. Dabei stellt digitale Versorgung in der Diabetesversorgung schon heute einen Wendepunkt dar, weil hier der digitale Fortschritt besonders enorm ist. Neue Technologien in der Glukosemessung und digitale Anwendungen sind mittlerweile tragende Säulen in der Diabetestherapie. All das trägt zu einer deutlichen Steigerung des Nutzens in Prävention und Therapie bei Patientinnen und Patienten bei. Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte verbessern dadurch ihr Therapieregime und die individuelle Versorgungssteuerung. Das alles wurde im Rahmen eines hochkarätig und interdisziplinär besetzten Afternoon-Talks beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit in Berlin am 22.5.2019 besonders deutlich. 

Christian Klose

Und es war eine gewinnbringende Fügung, dass Christian Klose, Ständiger Vertreter der Abteilungsleitung Digitalisierung im BMG, kurz nach Bekanntwerden des Entwurfs des DVG sozusagen aus der „Küche“ berichten und wesentlichen Inhalt und Absicht des neuen Gesetzesentwurfs vorstellen konnte. Ein Dorn im Auge ist den exekutiv Verantwortlichen, dass andere europäische Länder schneller sind als Deutschland, weswegen es erforderlich wurde, mit dem Gesetz eine neue Dynamik und maßgebliche Impulse zu setzen. Bewusst sei eine neue Leistungsart mit neuem Zugang ins System geschaffen worden, denn Digitalisierung passe nicht in die bisherigen Zugangssystematiken des Systems, kenne auch keine NUB oder Sektorengrenzen. Es gehe um Mehrwertangebote und die Krankenversicherung müsse mit der elektronischen Gesundheitsakte Treiber im System werden. Mit dem Gesetz stünden wir vor einer enormen Transformation der Digitalisierung des Deutschen Gesundheitswesens, das auch schnellere Marktzugänge auf diesem Gebiet ermöglichen müsse. Die Entstehung des Gesetzes sei im Übrigen in engem Austausch und auf Basis von Bedarfsanalysen mit allen Playern erfolgt.

Andreas Storm

Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, begrüßte das neue Gesetz als Meilenstein. Deutschland benötige als bedeutsamste Volkswirtschaft in Europa schnellere Fortschritte in diesem Bereich, ein Masterplan sei erforderlich. Er stellte für die DAK die frühzeitige Unterstützung des Marktzugangs für die kontinuierliche Glukosemessung mit FreeStyle Libre heraus, zuerst als Pilotprojekt 2015, dann 2016 als Satzungsleistung und mittlerweile mit über 22.000 Versicherten und Diabetespatienten als Nutzer. Weitere Krankenkassen wie die Siemens-Betriebskrankenkasse und BIGdirekt teilten diese Marktzugangsstrategie. In Matched-pair-Vergleichsstudien, so der DAK Vorstandsvorsitzende, konnte die DAK zeigen, dass für Nutzer von FreeStyle Libre die Hospitalisierungsrate signifikant gesunken und die Lebensqualität des Patienten gestiegen ist. Die kontinuierliche Glukosemessung versetzt den Patienten in die Lage, auch stärker präventiv bzw. frühzeitig gezielt intervenierend mit seinem behandelnden Arzt eingreifen zu können. Diesen hohen Stellenwert der gezielten Prävention bzw. frühzeitigen Intervention bildet der Referentenentwurf des DVG ab und ermöglicht den Krankenkassen, durch gezielte Hypothesenprüfungen maßgeschneiderte Präventionsangebote für ihre Versicherten auf empirischer Basis zu entwickeln.

Dr. Gertrud Demmler

Für Vorständin Dr. Gertrud Demmler von der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) sind dies maßgebliche Verbesserungen in Gestaltungsräumen für die Krankenkassen: Sowohl was die Versorgungsqualität ihrer an Diabetes erkrankten Versicherten anbelangt, als auch im Hinblick auf die Optimierung der Dienstleistungsqualität ihrer Krankenkasse bzgl. der kundenorientierten Ansprache und erleichterten administrativen Prozesse. Zudem könnte durch die Nutzung solch neuer Technologien auch die Versorgungseffizienz besser erschlossen werden. Sie plädierte für eine breite Erörterung der Nutzenbewertungsverfahren zwischen den geforderten Evidenznachweisen in RCT bzw. prospektiv kontrollierten Studiendesigns und noch stärker auf die Patientenakzeptanz und -nutzen zugeschnittenen „real-world-data-Versorgungsstudien“. Dinge, die im Alltag existieren, müssten auch im Alltag validiert werden. Bislang hätten sich häufig die Experten positioniert, es komme aber auf die Nutzer, auf die Erfahrung der tatsächlichen Nutzung an. Versicherte und Patienten würden daher regelmäßig von der SBK befragt. Demmler begrüßte es, dass die Kassen nun eine klarere, aktivere Rolle erhalten würden. Sie wünschte sich dabei aber auch einen Abbau der Bürokratie und mehr Qualität im Kassen- und Versorgungshandeln.

Dr. med. Jens Kröger

Dr. med. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE, hielt es für dringend erforderlich, dass sich etwas bewegt und da biete der neue Gesetzentwurf einige Hilfestellung. Es gebe keinen Fortschritt ohne den Patientennutzen. So hob er den bedeutsamen Nutzen sowohl medizinisch-klinisch als auch für den Patienten durch neue Technologien, wie sie FreeStyle Libre den Patienten eröffnet, hervor. Der zentrale Outcomeparameter HbA1c mit „Times in Range“ und seine Abhängigkeit vom patientenseitigen Lebensstil mit Ernährung und Bewegung könne dem Diabetes-Typ 2 Patienten durch Verlaufsdarstellungen in einer App sehr deutlich diese Zusammenhänge aufzeigen. Außerdem hätte es bereits 15 Jahre Möglichkeiten der kontinuierlichen Glukosemessung gegeben, aber erst durch patientenfreundliche technologische Verfahren hätte die kontinuierliche Glukosemessung solch eine Patientenakzeptanz erfahren. Er verwies auf die von diaDigital zusammen mit Diabetespatienten erarbeiteten Qualitätsanforderungen für Diabetes-Apps, die qualitativ hochwertige, datensichere, nutzerfreundliche, vertrauenswürdige Selbstmanagement-Services offerieren. Er bot Herrn Klose die Nutzung der Qualitätsanforderungen von DiaDigital für die Zertifizierungsarbeiten für Apps an. Ferner verwies er auf aktuelle, auch regionale Ergebnisse des DAK Diabetes Report in Zusammenarbeit mit dem IGES Institut sowie auf telemedizinische Anwendungen, wie sie im Innovationsfondsprojekt „Virtuelle Diabetes Ambulanz“ für Kinder- und Jugendliche mit Typ 1 Diabetes und kontinuierlicher Glukosemessung bzgl. der Effekte auf Stoffwechsellage, Lebensqualität und Zufriedenheit der Betroffenen durch zusätzliche monatliche Onlineberatungen unter Leitung von Frau Dr. med. Sengbusch erprobt werden. Aber auch im Bereich Prävention müsse sich dringend etwas mehr tun.

Alexander Fröhlich

Alexander Fröhlich, Director Market Access und Institutional Affairs bei Abbott, untermauerte seine bisherigen Erfahrungen, es sei ein zäher Kampf, in die Regelversorgung zu kommen. Auch das neue Gesetz würde wahrscheinlich für sein Produkt FreeStyle Libre (FSL) wegen der Risikogruppen-Abgrenzung nicht ausreichen, da die Risikoklasse 2b im DVG nicht berücksichtigt würde. Er unterstrich noch einmal die Real-World Daten als Beleg für die nützliche Versorgung, diese müssten viel stärker berücksichtigt werden. So wies er auf das DAK-Projekt hin, bei welchem auf Basis einer Matched Pair Methode bei mehr als 10.000 Patienten beim Einsatz von FSL eine deutliche Reduzierung der Hospitalisierung und sonstiger Komplikationen gegenüber der klassischen Blutzuckermessung gezeigt werden konnte. Nutzen zeige sich nicht nur an Evidenzkriterien, sondern auch am Patientennutzen direkt. Auch komme es auf eine engmaschige Zusammenarbeit der Partner wie Ärzte, Patienten und Krankenkassen an. So dankte er allen auf dem Podium für ihr Wirken, Hürden und Hemmnisse für eine nachweislich patientenfreundliche neue Technologie der kontinuierlichen Glukosemessung für Diabetespatienten in Deutschland durch mutige Schritte und zielführende Selektivvertragsgestaltung überwunden zu haben.

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