Interview mit Waltraud Kannen: „Mit Corona entfielen von jetzt auf gleich alle Angebote zur Entlastung“

20.05.2020, René Adler
Köpfe, Demenz, Coronavirus

Waltraud Kannen (60) hat der Ausbruch der Pandemie gleich doppelt getroffen: Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes ist Geschäftsführerin der Sozialstation Südlicher Breisgau e. V. in Bad Krozingen, der bis zu 900 Menschen ambulant versorgt. Zudem kämpft sie bürgerschaftlich für Wohnformen für Ältere mit Demenz. Einiges hätte bei Corona besser laufen können, meint sie.

Frau Kannen, wie sieht Ihre berufliche Corona-Zwischenbilanz aus?

Meine Grunderfahrung der letzten Wochen ist, dass man bei einer derartigen Ausnahmesituation als Organisation zuerst einmal auf sich selbst zurückgeworfen ist. Es nützt nichts, jammernd abzuwarten, dass andere - wie Behörden oder andere Verantwortungsträger - einem sagen, was zu tun ist. Im Rahmen der ambulanten Pflege sind wir die Experten, müssen die Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen, von der wir erst im Nachhinein wissen, ob diese richtig waren. Geholfen hat mir, dieses nicht im stillen Kämmerlein zu tun, sondern über den Tellerrand zu schauen und berufsgruppenübergreifend nachzudenken. So habe ich als kleines Beispiel direkt in der ersten Woche einen befreundeten Arzt und Hygieniker gebeten, unsere Pflegetour zu begleiten, um gemeinsam mit ihm adäquate Schutz- und Hygienemaßnahmen zu entwickeln. Ebenfalls bin ich als Praktikerin bei einer Task Force vom Land Baden-Württemberg mit anderen Vertreter*innen wie Landkreis- und Gemeindetag, Krankenkassen, Ärzten, Wissenschaft, Landesgesundheitsamt aktiv dabei, unter Berücksichtigung der verschiedenen Expertisen und Interessen Lösungen und Wege zu entwickeln, die hilfreich und verantwortbar sind. Hier wünsche ich mir, dass auch nach der Krise diese Offenheit und Haltung bleibt, dass wir nur gemeinsam die Herausforderungen meistern können.

Corona kam praktisch über Nacht. Welche Defizite haben sich Ihnen als Geschäftsführerin eines großen Pflegedienstes aufgetan – und was davon konnte behoben werden?

In aller Munde war die fehlende und später überteuerte Schutzausrüstung. Bezahlbare Händedesinfektionsmittel sind immer noch rar und Landkreise mit der Verteilung überfordert. Das andere waren die unklaren Zuständigkeiten. Bis heute ist zum Beispiel nicht wirklich geregelt, wie das Ziel, eine Pflegekraft bei Bedarf schnell zu testen, wirksam und flächendeckend umgesetzt werden kann. Ein weiteres Problem waren die fehlenden Schutz- und Hygienestandards für Klienten und Pflegemitarbeiter*innen. Ich habe für unsere Sozialstation eine Maskenpflicht ausgesprochen, da war es in Schnittstellen-Einrichtungen wie Kliniken, Ambulanzen, Notdiensten noch lange nicht vorgeschrieben, was zu einer Infektionsgefährdung unserer Klienten führte. Ein ganz gutes Gefühl habe ich hier immer noch nicht. Dann dauerte es zu lange, bis eine handhabbare Notbetreuung für Mitarbeiterkinder umgesetzt wurde. Wir haben dieses kurzerhand selber gemacht, weil die Vorgabe, dass beide Elternteile systemrelevante Berufe haben mussten, zunächst realitätsfern war. Ebenfalls zeigte sich sehr schnell die Schwachstelle in der häuslichen Pflege: vielfach illegal organisierte 24-Stunden-Pflege mit osteuropäischen Hilfen, die nicht mehr kommen durften. Manches ist nun klärend auf den Weg gebracht, aber leider nicht gelöst.

Es waren und sind schwierige Zeiten – was haben Sie als positiv erlebt?

Die schönste Erfahrung war zu erleben, wie gelassen und professionell unsere Pflegekräfte mit den Anforderungen umgingen. Ganz häufig wurden sie von Klienten und Angehörigen gefragt, ob sie denn keine Angst vor Ansteckung hätten. Für sie war es selbstverständlich, dass sie den Menschen in dieser Situation helfen mussten. Ich finde das großartig und es steht als Haltung für viele Menschen aus dem Pflegeberuf. Toll war ebenfalls die vielfältige Unterstützung der vielen Handwerksbetriebe mit Schutzausrüstung. Immer wieder kamen einfach Menschen vorbei und brachten uns Schutzmasken, damit die Pflegekräfte selber sicher sind.  Allen wurde deutlich, dass es statt fremder Menschen auch die Oma, Tante, Opa oder sonst ein Familienmitglied sein könnte, das Hilfe braucht. Es zeigte uns die große Verbundenheit mit der Sozialstation.

Sie setzen sich auch bürgerschaftlich seit vielen Jahren für demente Menschen ein, sind Vorsitzende des Netzwerkes „Freiburger Modell“ für Wohnformen für Ältere mit Demenz. Was macht Corona mit diesen Menschen - und warum haben Sie sich dafür eingesetzt, dass die Tagespflege bald wieder öffnen kann für Demente?

Die familiäre Pflege von Menschen mit Demenz war bereits vor der Krise ein Hochleistungssport. Man braucht Nerven wie Drahtseile und eine gute eigene Balance, um dieses tagtäglich zu meistern. Mit Corona entfielen von jetzt auf gleich alle Angebote zur Entlastung, die eine Pflege zu Hause vorher gangbar gemacht haben. Tagespflegen, Betreuungsgruppen, Kurse, Pflegestammtische, fanden nicht mehr statt. Diese Angebote gaben den Angehörigen die dringend benötigte Zeit zum Luftholen. Insgesamt spitzte sich die Situation dann zu. Vielen alleinlebenden dementen Menschen fehlten die sozialen Kontakte, sie bauten immer mehr ab und wurden depressiv. Demente Menschen verstehen nicht, dass sie nicht rauskönnen, sie wurden zunehmend wütend und aggressiv. Sie haben ein feines Gespür für Spannungen und Unsicherheit. Wir erlebten gewalttätige Übergriffe in der Pflegesituation. In den Medien lag der Fokus während der ganzen Wochen auf Kliniken und Pflegeheimen. 76 Prozent aller Pflegebedürftigen leben jedoch zu Hause, da sahen sich die pflegenden Angehörigen abgehängt und im Stich gelassen. Deshalb möchte ich hier ein klares Signal als Unterstützung für die pflegenden Familien setzen.

Was wünschen Sie sich generell für Menschen mit Demenz und deren Familien – was ist Ihre Vision?

Ich träume seit vielen Jahren davon, dass wir das schöne afrikanische Sprichwort zur erfolgreichen Kindererziehung abwandeln und umsetzen: „Damit ein Mensch mit Demenz mit seiner Familie in Würde leben kann, braucht es ein ganzes Dorf, das sich beteiligt“.

 

Frau Kannen, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Anzeige