Corona-Krise: Leopoldina legt vierte Ad-hoc-Stellungnahme vor

10.06.2020, Sven C. Preusker
Hintergrund, Politik & Wirtschaft, Coronavirus

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat jetzt eine vierte Ad-hoc-Stellungnahme zur Coronavirus-Pandemie veröffentlicht. Sie widmet sich dem Thema „Medizinische Versorgung und patientennahe Forschung in einem adaptiven Gesundheitssystem“. Das Papier konzentriert sich auf kurz- und mittelfristige Aspekte der medizinischen und pflegerischen Versorgung unter den Bedingungen einer anhaltenden Pandemie und zeigt mögliche langfristige Maßnahmen für ein resilienteres und anpassungsfähigeres Gesundheitssystem auf.

Die Autorinnen und Autoren empfehlen ein bedarfs- und nicht primär gewinnorientiertes System, das sich am Patientenwohl orientiert und qualitätsgesichert arbeitet. Es müsse alle Mitarbeitenden wertschätzen sowie Innovationen und digitale Lösungen integrieren. Ziel sei ein adaptives Gesundheitssystem, in dem Öffentlicher Gesundheitsdienst, ambulanter sowie stationärer Sektor gut zusammenarbeiten und eine schnelle Translation von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis erfolgen könne.

Die Konfrontation mit einer neuen Viruserkrankung habe gezeigt, so die Stellungnahme, wie wichtig eine am Patientenwohl orientierte und zugleich forschungsnahe Krankenversorgung sei. Schutzvorkehrungen gegen eine Infektion mit SARS-CoV-2 sowie die Umstellung der medizinischen Versorgung auf die potenziell hohe Zahl von schwerstkranken COVID-19-Patientinnen und -Patienten hätten gleichzeitig dazu geführt, dass die ambulante und stationäre Versorgung von Menschen mit anderen Erkrankungen in den Hintergrund gerückt seien. Auch wichtige Präventionsmaßnahmen und Forschungsaktivitäten seien unterbrochen worden. Ziel müsse jetzt sein, die bedarfsgerechte Prävention, Diagnostik und Behandlung aller Patientinnen und Patienten zeitnah und vollumfänglich wiederaufzunehmen.

Damit die Versorgung aller Patientinnen und Patienten während der anhaltenden Pandemie erfolgen kann, halten die Autorinnen und Autoren kurz- und mittelfristig folgende Rahmenbedingungen für notwendig:

  • Vorhaltung ambulanter, stationärer und poststationärer Kapazitäten sowie personeller, räumlicher und technischer Reserven zur Versorgung von COVID-19-Erkrankten
  • Aufbau eines regionalen und krankenhausinternen Frühwarnsystems für SARS-CoV-2-Infektionen
  • Umsetzung wissenschaftlich unterlegter, zielgerichteter Teststrategien
  • Stärkung des Vertrauens der Öffentlichkeit in eine am Patientenwohl orientierte und sichere Behandlung
  • qualitativ hochwertige Versorgung aller Patientinnen und Patienten durch schnelle Integration von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis

Für die langfristige Weiterentwicklung und Sicherung des Gesundheitssystems seien generell die folgenden Punkte zu berücksichtigen:

  • Gewährleistung der qualitativ hochwertigen, wissenschaftsorientierten und ethisch verantwortlichen Versorgung aller Patientinnen und Patienten
  • Aufbau und Verstetigung regionaler Versorgungs- und Forschungsnetzwerke mit festgelegten Aufgabenbereichen für die Einrichtungen des Gesundheitswesens und einer besonderen Funktion für die Universitätsmedizin
  • bedarfsgerechte Ausstattung mit qualifiziertem medizinischem und pflegerischem Personal
  • Digitalisierung und Vernetzung aller Krankhäuser und ambulanten Versorger
  • langfristige Sicherstellung der Versorgungsaufgaben, beispielsweise durch die Ergänzung der bisherigen Fallpauschalen um strukturelle Komponenten und unter Vermeidung von Fehlanreizen
  • gesellschaftliche Wertschätzung, eine angemessene Entlohnung, attraktive und bedarfsgerechte Ausbildungsstrukturen und gute Arbeitsbedingungen für medizinisches und pflegerisches Fachpersonal

Zur zukünftigen Finanzierung heißt es in dem Papier, das Fallpauschalen-System solle weiterentwickelt werden hin zu einem System, das den Leistungsbezug beibehalte, dabei aber Elemente struktureller Entwicklung (z.B. durch Festlegung von Versorgungsstufen) und der Vorhaltefinanzierung so stärke, dass grundsätzliche Fehlanreize des derzeitigen Systems korrigiert und vermieden würden, seltene und komplexe Krankheiten besser behandelt werden könnten und die Bildung von Reserven (z.B. zusätzliche Intensiv- und Infektionsbereiche, Notfallmedizin) ermöglicht werde.

kkvd betont Wichtigkeit regionaler Freiräume

Bernadette Rümmelin, Geschäftsführerin der Katholischen Krankenhausverbands Deutschlands (kkvd), sagte anlässlich der Veröffentlichung der Stellungnahme: „Unser Gesundheitssystem muss weiterentwickelt werden. Das ist eine wichtige Lehre der anhaltenden Corona-Pandemie.“ Für die Krankenhausversorgung der Zukunft gebe die Leopoldina in ihrer Stellungnahme wichtige Hinweise. Es führe in die falsche Richtung, die Strukturen und Finanzierung der Kliniken weiter einseitig auf Effizienz und Wettbewerb auszurichten. Setze sich diese Politik fort, gefährde dies die in der Krise gerade unter Beweis gestellte hohe Flexibilität und Handlungsfähigkeit in der Krankenhausversorgung.

Rümmelin hält ein Finanzierungsmodell für notwendig, das ein flächendeckendes Netz zur Grund- und Regelversorgung sichert und dafür die notwendigen Vorhaltekosten pauschal bereitstellt. Außerdem betonte sie, dass die Anbieter untereinander Aufgaben verteilt und sich in Krisensituationen gegenseitig entlastet hätten. Das zeige, wie wichtig Freiräume in der regionalen Zusammenarbeit gerade in Krisen seien. Eine Reform der Krankenhausfinanzierung sollte daher aus Sicht des kkvd Hand in Hand gehen mit einer regionalen, am Versorgungsbedarf orientierten Planung. Es brauche starke Netzwerke vor Ort, die einerseits eine wohnortnahe Krankenhausversorgung und andererseits Spezialversorgung auf qualitativ hohem Niveau sicherstellen könnten.

Der Verband der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands (VLK) schließt sich in einer ersten Reaktion Teilen der Stellungnahme an, hinterfragt aber auch einige Punkte. So zwinge die notwendige Einhaltung krankenhaushygienischer Konzepte zur Infektionsprävention gegen das Coronavirus auch in den Kliniken zu Abstandsregeln, so dass weite Teilbereiche ungenutzt bleiben müssten (z.B. durch Umwidmung von Zweibettzimmern in Einbettzimmer). Dies erhöhe die Kosten erheblich und mache eine Verlängerung des finanziellen Schutzschirmes für die Kliniken auf längere Sicht nötig.

Die Diskussion über eine Krankenhausstrukturreform für die langfristige Gestaltung des Gesundheitssystems sei durch die Krise nicht beendet, heißt es von dem Verband. Allerdings habe sich die flächendeckende Versorgung mit Reservekapazitäten sich enorm bewährt. Damit sind aus Sicht des VLK frühere Vorschläge zu einer radikalen Zentralisierung und Reduktion von Betten obsolet geworden. Der VLK weißt auch darauf hin, die Bedeutung der Universitätsmedizin in der Forschung und Translation der Ergebnisse in die Behandlung unumstritten sei. Ihr Anteil an der Versorgung sei im high care Bereich mit Organersatztherapie hoch, werde allerdings insgesamt in der Stellungnahme weit überschätzt. 

Die ausführliche vierte Ad-hoc-Stellungnahme kann hier heruntergeladen werden.

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