Zusammenfassung: Nachhaltiger Digitalsierungsschub durch die Corona-Pandemie?

26.06.2020, Dr. Annette Mehler, Welt der Krankenversicherung
Krankenversicherung, Digital Health

Am 5. Mai diesen Jahres – inmitten der Corona-Pandemie – trat die Verordnung über das Verfahren und die Anforderungen der Prüfung der Erstattungsfähigkeit digitaler Gesundheitsanwendungen in der gesetzlichen Krankenversicherung, kurz die Digitale-Gesundheitsanwendungen-Verordnung (DiGAV) in Kraft. Die Verordnung ist logische Konsequenz des Gesetzes für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (Digitale-Versorgung-Gesetz – DVG), das eines der Richtungweisendsten der mehr als 20 Gesetze von Bundesminister Spahn in 20 Monaten ist, bei denen Digitalisierung im Fokus steht. 

Zeitgleich mit der DiGAV ist auch der Startschuss für die Teilnahme am sogenannten DiGA-Fasttrack-Verfahrens beim BfArM gefallen, welches seit Öffnung des digitalen Antragsportals vor knapp drei Wochen bereits mehr als 350 Anträge erhalten hat. Das teilte zumindest Prof. Jörg Debatin im Rahmen seines Vortrages bei der diesjährigen DMEA in der vergangenen Woche mit. Ihm zufolge glauben auch acht von zehn Europäern, dass digitale Lösungen ihr Gesundheitssystem verbessern.

Die Digitalisierung als Chance sehen tatsächlich auch sage und schreibe 13 Industrie- und Herstellerverbände, die vom Spitzenverband Bund der Krankenkassen als maßgeblich anerkannt sind und für ihre Mitglieder nunmehr, erstmalig am 23. Juni 2020, mit selbigen an einem Verhandlungstisch zur Vereinbarung der Rahmenempfehlungen gemäß § 134 SGB V über die Vergütungsbeträge und Verordnungsermächtigung von DiGAs beraten. Ziel ist es, dass mit positiver Bescheidung des BfArms zur Aufnahme der ersten DiGA ins DiGA-Verzeichnis die Rahmenvereinbarung final verhandelt ist.

Einen nachhaltigen Digitalisierungsschub erlebt das traditionsreiche und sich sonst eher langsam in seinen Strukturen verändernde Gesundheitssystem aber nicht nur durch den DiGA-Hype, sondern auch gerade im Zuge der gegenwärtigen Corona-Pandemie.

Die regierungsseitig gebotenen Kontaktbeschränkungen haben dabei vor allem bei innovativen Ansätzen, wie etwa der Videosprechstunde, zu einem - vor der Pandemie kaum vorstellbaren - explosionsartigen Durchbruch vor allem auf der Seite der Ärzteschaft verholfen. Während in 2017 noch etwa 60 Prozent der befragten Ärzte die Videosprechstunde ablehnten, nutzen nunmehr laut einer kürzlich durch das hih durchgeführten Befragung mehr als 50 Prozent der befragten Ärzte die Videosprechstunde und betrachten diese Tools tatsächlich auch als eine gute Lösung zur Sicherung der Gesundheitsversorgung.

Auf Seiten der Patienten zeigt sich gemäß des ePatienten-Surveys allerdings ein etwas anderes Bild. Hier hat die Online-Videosprechstunde auch in Zeiten der Corona-Pandemie keinen wirklichen Durchbruch erlebt. Lediglich zwei Prozent der „Gesundheits-Surfer“ aus der Stichprobe von 9.700 Menschen mit Affinität zu Internet und Gesundheitsthemen machten die Angabe, schon einmal eine Online-Arztsprechstunde genutzt zu haben. Wenngleich auch vier von fünf Nutzern hiermit grundsätzlich zufrieden waren und im Vergleich zur Vorjahresbefragung ein Wachstum um den Faktor drei stattgefunden hat, liegt dies jedoch noch auf relativ niedrigem Niveau. 
Das mag insgesamt auch daran liegen, dass vor allem bildungs- und gesundheitsaffine Menschen zwar einerseits offen im Hinblick auf die Nutzung von Neuerungen im Bereich von digital health Anwendungen sind, diese sich grundsätzlich aber auch gesünder verhalten und damit keine Videosprechstunde – auch nicht in Zeiten der Corona-Pandemie – in Anspruch nehmen müssen.

Vermutlich ist auch eben letzterer i.V.m. einer stagnierenden Zahlungsbereitschaft einer der Gründe, weshalb es zu einem regelrechten Wachstumsknick bei marktüblichen digital health Anwendungen, wie beispielsweise Medikamenten-Apps, Coaching- Programmen zu Gesundheitsthemen oder Diagnostik-Apps in 2020 gekommen ist. 

Deshalb und zur Vermeidung einer Zwei-Klassen-Medizin bei digital health tools wird es neben der Bereitstellung einer guten Internetinfrastruktur vor allem auch im ländlichen Raum wohl doch hauptsächlich auf das Trommeln der Gesundheitspolitik ankommen, um digitale Gesundheitsanwendungen einer breiteren Masse von Patienten und Nutzern zukommen zu lassen. 

Zumindest die Gesundheitspolitik erhofft sich nicht zuletzt durch das DiGA-Business Modell für innovative Gesundheitsunternehmen i.V.m. dem DiGA-Fasttrack-Verfahren eine deutliche Mengenausweitung im Hinblick auf die Nutzung der digitalen Helfer in den Händen der Patienten. Immerhin sollen die DiGAs dann direkt vom Arzt per Rezept empfohlen und verordnet werden können, sodass eben in den folgenden Monaten und Jahren nicht mehr 95 Prozent der im Rahmen des ePatient Survey befragten Patienten angeben sollten, von ihrem Arzt noch nie eine digitale Empfehlung erhalten zu haben, obwohl Patienten auf Hinweise ihrer Kassen, ihrer Ärzte und Apotheker schon lange warten und die Abbruchquote in der Nutzung digitaler tools erfahrungsgemäß umso geringer ist, wenn diese vom Arzt oder Apotheker verordnet wurden. 

Insgesamt, so soll die Zusammenfassung zumindest zeigen, gibt es ein erhebliches Potential im Hinblick auf digitale Gesundheitsanwendungen für alle Akteure im deutschen Gesundheitssystem gleichermaßen - und dieses Potential wartet unabhängig von der Corona-Pandemie nunmehr darauf, im Sinne des Patientenwohls erschlossen zu werden.

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