Fallzahl-Analysen: starker Rückgang bei planbaren Eingriffen und Notfällen im Lockdown

12.08.2020, Sven C. Preusker
Hintergrund, Coronavirus, Politik & Wirtschaft

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat Mitte Juli die Fallzahl-Rückgänge bei den Krankenhaus-Behandlungen aufgrund des Coronavirus-Lockdowns nach eigenen Angaben erstmals auf einer validen bundesweiten Datenbasis untersucht. Die Auswertung der Krankenhausfälle von 27 Millionen AOK-Versicherten zeige, dass es während der Lockdown-Phase im März und April 2020 insgesamt Fallzahl-Rückgänge von 39 Prozent gegenüber dem Vorjahres-Zeitraum gegeben habe. Besonders hohe Rückgänge seien bei planbaren, nicht dringlichen Eingriffen wie Operationen zum Arthrose-bedingten Hüftersatz (minus 79 Prozent) zu verzeichnen. Allerdings, so der Report, hätten sich auch starke Rückgänge bei der Behandlung von lebensbedrohlichen Notfällen wie Herzinfarkten (minus 31 Prozent) und Schlaganfällen (minus 18 Prozent) gezeigt.

Während der Lockdown-Phase vom 16. März bis zum 5. April 2020 wurden insgesamt rund 241.000 Fälle von AOK-Versicherten in deutschen Krankenhäusern behandelt. Das waren etwa 157.000 Fälle weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Absolut gesehen gab es den größten Rückgang der Fallzahlen laut WIdO bei Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, die um 42 Prozent (minus 27.000 Fälle) zurückgingen. Der größte relative Fallzahl-Rückgang sei mit 65 Prozent bei den Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems zu verzeichnen (minus 22.000 Fälle). Das Ausmaß der Rückgänge sei regional unterschiedlich und reiche von 34 Prozent in Sachsen bis zu 43 Prozent in Rheinland-Pfalz, heißt es in der Untersuchung.

In einer Detail-Analyse von insgesamt 21 Behandlungsanlässen zeigten sich laut der Autoren deutliche Unterschiede zwischen medizinisch notwendigen Behandlungen auf der einen und planbaren Eingriffen auf der anderen Seite. So habe es beispielsweise bei den Blinddarm-Entfernungen ohne akute Entzündung einen Rückgang von 28 Prozent gegeben, während die Zahl der Behandlungen von akuten Blinddarm-Entzündungen sogar leicht gestiegen sei (plus acht Prozent). Ein ähnliches Muster zeige sich bei Krebs-Behandlungen: Die Zahl der operativen Ersteingriffe zur Entfernung eines Tumors in der Brust stieg laut der Daten gegenüber dem Vorjahres-Zeitraum um elf Prozent, während die nicht dringlichen Eingriffe zur Rekonstruktion der Brust um 76 Prozent zurückgingen. Die Gesamtzahl der vollständigen Gebärmutterentfernungen (Hysterektomien) habe sich nahezu halbiert (minus 48 Prozent), was ausschließlich auf Eingriffe bei gutartigen Veränderungen zurückzuführen war (minus 66 Prozent), während die Eingriffe bei Gebärmutterhalskrebs anstiegen (plus 23 Prozent). 

Quelle: WIdO-Report

„Insgesamt zeigt sich in den Daten ein sehr rationales Vorgehen der behandelnden Ärzte in der Phase des Lockdowns: Nicht so dringliche Operationen, zum Beispiel zur Implantation von künstlichen Gelenken, wurden den Vorgaben der Politik entsprechend verschoben, um Kapazitäten für die Behandlung von Covid-19-Patienten freizuhalten. Zugleich wurden aber offensichtlich dringliche und medizinisch notwendige Operationen weiter durchgeführt“, so WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber.

Aufklärung über richtiges Verhalten im Notfall muss verbessert werden

Anlass zur Sorge geben aus Sicht der WIdO-Experten die hohen Fallzahl-Rückgänge bei der Behandlung von Herzinfarkten: Während im Vergleichszeitraum des Vorjahres insgesamt 4.628 Fälle von AOK-Versicherten behandelt wurden, seien es in der Lockdown-Phase nur 3.209 Herzinfarkte gewesen (minus 31 Prozent). Ein ähnliches Bild zeige sich bei Schlaganfällen: Hier sank die Zahl der behandelten Fälle von 6.190 auf 5.046 (minus 18 Prozent). Bei der Behandlung der transistorisch-ischämischen Attacke (TIA) zeige sich in den Daten sogar ein Rückgang von 37 Prozent. „Diese starken Rückgänge in der Behandlung von echten Notfällen weisen darauf hin, dass betroffene Patientinnen und Patienten in der Phase des Lockdowns den Rettungsdienst seltener alarmiert haben“, so Klauber. Trotz akuten Behandlungsbedarfs und möglicher gravierender Folgen hätten die Betroffenen offenbar häufiger keine medizinische Hilfe in Anspruch genommen. „Über die Gründe für dieses Verhalten und das Ausmaß möglicher Folgeerkrankungen geben die Daten keinen Aufschluss“, erklärte Klauber. Schon jetzt lasse sich aber schlussfolgern, dass die Aufklärung der Bevölkerung über das richtige Verhalten im Notfall verbessert werden sollte.

Aus Sicht der WIdO-Experten lassen sich verschiedene Arten von Ursachen für die Fallzahl-Rückgänge unterscheiden. Erstens hätten natürlich die regulatorischen Vorgaben der Politik wie die Verschiebung von planbaren und weniger dringlichen Behandlungen eine zentrale Rolle gespielt, so WIdO-Geschäftsführer Klauber. Zweitens könnten epidemiologische Ursachen Bedeutung haben: „So ist es beispielsweise möglich, dass es eine Reduktion der Herzinfarkt-Inzidenz infolge der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie gab. Denkbar ist beispielsweise ein Absinken des allgemeinen Stresslevels durch Homeoffice und Kurzarbeit oder die Reduzierung von Herzinfarkten durch extreme körperliche Belastung beim Sport“, sagte Klauber. Drittens lägen mögliche Ursachen aber auch in individuellen Beweggründen wie der Furcht der Menschen vor einer Coronavirus-Infektion. 

Seit der 15. Kalenderwoche, in der die Krankenhaus-Fallzahlen ihren Tiefpunkt erreichten, steige die Zahl der Behandlungsfälle langsam wieder an. Ob und wann das Fallzahlenniveau vor der Coronavirus-Pandemie wieder erreicht wird, sei aber noch offen, betonte Klauber.

IQM: Nur 57 Prozent der Vorjahres-Fälle

Auch die Initiative Qualitätsmedizin (IQM) hat die Veränderung der Fallzahlen in ihren Mitgliedshäusern untersucht, wobei das gesamte Spektrum der Träger vertreten ist. In der Phase des „Shutdowns“ (von der IQM wurde die Zeit vom 13. März bis 19. April zugrunde gelegt) lagen die Fallzahlen laut Analyse mit 294.622 bei nur 57 Prozent des Vorjahres. Dabei habe sich die Abnahme der Patientenzahlen in fast allen Leistungsbereichen der Krankenhäuser gezeigt. Beispielsweise wurden verglichen mit dem Vorjahr 78 Prozent weniger Hüft-Endoprothesen-Implantationen und 83 Prozent weniger Knie-Endoprothesen-Erstimplantationen durchgeführt. Gleichzeitig sei zu beobachten gewesen, dass zeitkritische Versorgungen in der Onkologie, aber auch Notfallbehandlungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall, deutlich rückläufig waren. So seien vor dem Shutdown vom 1. Januar bis zum 12. März in den teilnehmenden Krankenhäusern 11.956 Patienten mit der Hauptdiagnose Herzinfarkt versorgt worden, was annähernd dem Vorjahreszeitraum (12.468 Patienten) entspreche. Während des Shutdowns seien 34 Prozent weniger Patienten mit der Hauptdiagnose Herzinfarkt behandelt worden. Eine ähnliche Verteilung finde sich für die Versorgung der Schlaganfallpatienten. Während die Anzahl der Patienten mit Hauptdiagnose Schlaganfall im Zeitraum vor dem Shutdown nahezu identisch zum Vorjahr war, wurden während des Shutdowns nur 72 Prozent der Patienten mit Hauptdiagnose Schlaganfall stationär behandelt. Interessant ist auch, dass laut IQM-Analyse über nahezu alle Diagnosen hinweg die mittlere Verweildauer bei Behandlungen während des Shutdowns niedriger lag als im Vergleichszeitraum.

Für die Analyse der IQM wurden die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser (§21 KHEntgG), die routinemäßig im Rahmen der IQM-Methodik zur Berechnung der Qualitätsindikatoren G-IQI (German Inpatient Quality Indicators) verwendet werden, auf freiwilliger Basis ausgewertet. 310 von 502 Mitgliedskrankenhäusern beteiligten sich an der Analyse. Insgesamt wurden 1.283.190 stationäre Patienten berücksichtigt, die vom 01.01.–19.04.2020 in den beteiligten zwölf Universitätskliniken (158.282), 50 freigemeinnützigen Krankenhäusern (165.458), 103 öffentlich-rechtlichen (460.201) und 145 privaten Krankenhäusern (499.249) versorgt wurden. Ausführlichere Daten der IQM-Analyse sind hier zu finden, ein Fachbeitrag wurde im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht.

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