Kann man ein Gefühl für Demenz entwickeln? Früherkennung und Therapie-Entwicklung könnten profitieren

24.08.2020, René Adler
Demenz

Die persönliche Wahrnehmung kann ein wichtiges Indiz sein, um eine demenzielle Veränderung frühzeitig zu bemerken. Zu diesem Schluss kommt ein Forschungsteam unter Federführung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn. Im Zusammenhang mit einer im Medizinjournal der Amerikanischen Akademie für Neurologie erschienenen Studie mit 449 älteren Erwachsenen berichten die Wissenschaftler, dass Personen mit subjektiv empfundenen Gedächtnisstörungen im Durchschnitt tatsächlich mehr messbare, kognitive Defizite aufwiesen. Dies hänge auch mit dem Nervenwasser zusammen. Früherkennung und Therapie könnten davon profitieren.

Experten sprechen von „subjektiven kognitiven Beeinträchtigungen“ oder „subjective cognitive decline“ (SCD), wenn das Gedächtnis nach eigenem Empfinden nachlässt, die geistige Leistungsfähigkeit nach objektiven Kriterien jedoch noch im Normbereich liegt. „Menschen mit SCD haben ein erhöhtes Risiko, langfristig eine Demenz zu entwickeln. Allerdings weiß man noch wenig über die Mechanismen, die subjektiven Gedächtnisstörungen zugrunde liegen“, erklärte Prof. Michael Wagner, Arbeitsgruppenleiter am DZNE und Leitender Psychologe der Gedächtnisambulanz des Universitätsklinikums Bonn. Die Effekte seien subtil und bisherige Studien hätten relativ kleine Personengruppen eingeschlossen, was statistisch belastbare Aussagen schwierig mache. „Deshalb haben wir nun die nach unserem Wissen bislang größte Stichprobe von Personen untersucht.“

An den Untersuchungen war auch ein Verbund deutscher Universitäten und Universitätskliniken beteiligt. Der Altersdurchschnitt der Teilnehmer betrug rund 70 Jahre. Ein Teil der Gruppe (240 Personen) wurde über die sogenannten Gedächtnisambulanzen der Unikliniken rekrutiert. Diese Menschen waren zur Abklärung anhaltender subjektiver kognitiver Beschwerden gekommen, wurden jedoch nach den üblichen Tests als unauffällig eingestuft, es bestand also lediglich SCD. Die übrigen 209 Teilnehmer wurden aufgrund von Befragungen und der gleichen Tests als kognitiv gesund eingestuft. Sie hatten sich nach Zeitungsanzeigen zur Studienteilnahme entschlossen.

„Wir konnten nachweisen, dass jene Menschen, die sich aufgrund von SCD an eine Gedächtnisambulanz wendeten, messbare, wenngleich nur mäßig ausgeprägte kognitive Defizite aufwiesen“, erläuterte Dr. Steffen Wolfsgruber, Erstautor der Veröffentlichung. Die Befunde beruhten auf einer umfangreichen Testung, einer verfeinerten Datenauswertung und der verhältnismäßig großen Anzahl untersuchter Personen. „Damit wurde die Messempfindlichkeit entscheidend verbessert. So fanden wir heraus, dass Studienteilnehmende, die als gesund galten, im Allgemeinen bessere Ergebnisse bei der geistigen Leistungsfähigkeit erzielten als die Patienten der Gedächtnisambulanzen mit SCD.“ Dies sei mit Standardverfahren und kleinen Probandengruppen kaum erkennbar.

„Wir haben festgestellt, dass bei unseren Probanden mit SCD im Mittel leichte kognitive Defizite vorliegen und dass diese mit jenen Eiweißstoffen zusammenhängen, die auf eine frühe Alzheimer-Erkrankung hindeuten. Daher nehmen wir an, dass sowohl die subjektiven Beschwerden, als auch die minimalen objektiven kognitiven Defizite auf Alzheimer-Prozesse zurückzuführen sind“, fügte Studienleiter Wagner hinzu. Die aktuellen Befunde könnten für die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden von Nutzen sein: „Aktuelle Therapien gegen Alzheimer setzen zu spät an. Dann ist das Gehirn schon stark geschädigt. Ein besseres Verständnis der SCD könnte die Grundlage für eine frühere Behandlung schaffen. Für die Erprobung von Therapien, die bereits im Frühstadium einer Alzheimer-Erkrankung wirken sollen, muss man Personen mit erhöhtem Krankheitsrisiko identifizieren. Dafür könnte SCD ein wichtiges Kriterium sein.“

 

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