EbM-Netzwerk nimmt zur Risikokommunikation zu COVID-19 in den Medien Stellung

15.09.2020, medhochzwei
Heilberufe, Coronavirus, Politik & Wirtschaft

Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (EbM-Netzwerk) hat eine Stellungnahme zum Thema Risikokommunikation zu COVID-19 verfasst. In den Medien würden die Informationen über COVID-19 oft in einer irreführenden Art und Weise dargestellt, z. B. durch missverständliche Ranglisten, fehlende Vergleichsgruppen und umstrittene Einzelfallberichte, so das Netzwerk in der Stellungnahme. Die aktuellen Daten zu COVID-19 seien mit großer Unsicherheit behaftet. Es sei zumutbar, der Bevölkerung diese Unsicherheit verständlich zu kommunizieren. 

Bereits in zwei früheren Stellungnahmen zu COVID-19 (20. März und Update vom 15. April 2020) hatte das EbM-Netzwerk die Beachtung wissenschaftlicher Kriterien einer evidenzbasierten Risikokommunikation in der medialen Berichterstattung gefordert. Auch wenn es Verbesserungen im zeitlichen Verlauf gebe, besteht das Problem der missverständlichen Kommunikation weiterhin. Selbst in renommierten Medien würden die Informationen über COVID-19 oft in einer irreführenden Art und Weise berichtet. Andererseits fänden sich auf den Websites mancher Leitmedien inzwischen auch qualitativ hochwertige Hintergrundinformationen.

Als Beispiele führt das EbM-Netzwerk an, dass selbst in den Leitmedien zur Beschreibung des Infektionsrisikos über Monate lediglich Fallzahlen ohne Bezugsgrößen und unter Verwendung unpräziser Bezeichnungen benutzt wurden, etwa „Bisher gibt es X Infizierte und Y Todesfälle“. Dabei werde nicht zwischen Testergebnissen, Diagnosen, Infektionen und Erkrankungen differenziert. Üblicherweise handele es sich um „gemeldete positive Testergebnisse“. Dabei bleibe unklar, ob das Testergebnis richtig positiv sei, also eine Infektion mit SARS-CoV-2 tatsächlich anzeige. Auch wäre jeweils relevant, ob und wie schwer die Personen erkrankt seien. Gerade für COVID-19 wäre wichtig zu wissen, wie viele Personen tatsächlich so krank seien, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssten. Die immer noch genutzte Aussage „Heute gab es X Infektionen“ sei falsch, da die Gesamtzahl der Infizierten unbekannt bleibe. Dazu sei eine zeitgleiche vollständige Testung einer repräsentativen Stichprobe aus der Bevölkerung nötig. Eine korrekte Formulierung könnte laut EbM-Netzwerk lauten: „Heute wurden XY neue positive Testergebnisse gemeldet.“ Und „Die Anzahl der Testungen hat sich in der letzten Woche von AA auf BB erhöht.“

Die tägliche Berichterstattung der gemeldeten Fälle sei kaum interpretierbar, wenn nicht bekannt sei, wie viele Tests bei welchen Personen durchgeführt wurden. Je mehr getestet werde, umso häufiger fänden sich auch richtig oder falsch positiv getestete Personen (Lühmann D, KVJ Hamburg Sep/2020). Je häufiger gesunde und beschwerdefreie Menschen untersucht würden, umso eher gebe es auch positive Ergebnisse von fraglicher Bedeutung. Die falsch-positiv-Rate müsste dementsprechend erwähnt werden.

Auch die oft veröffentlichten Ranglisten kritisiert das Netzwerk – meist fehle eine Bezugsgröße, weshalb diese Listen in die Irre führen würden. Die Angaben müssten sich auf eine konstante vergleichbare Größe beziehen, üblicherweise auf 100.000 Einwohner. Die Daten für Ländervergleiche seien verfügbar, z.B. über das ECDC. Es sei nicht ersichtlich, warum dennoch eine nicht interpretierbare Darstellungsform gewählt werde.

Auch Angaben zu Covid-19 Fällen im Krankenhaus ohne Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Erkrankungen und Todesursachen blieben sinnentleert. Die Nennung von Rohdaten ohne Bezug zu anderen Todesursachen führe zur Überschätzung des Risikos. In Deutschland würden etwa 2.500 Personen pro Tag versterben, pro Jahr seien es fast eine Million Bürger*innen, die an den unterschiedlichsten Todesursachen versterben. Die Angaben zu den Todesfällen durch Covid-19 sollten daher beispielsweise auch die wöchentlich verstorbenen Personen mit Angabe der Gesamttodesfälle in Deutschland nennen. Daten des Statistischen Bundesamts für den Monat April 2020 würden etwa eine zehnprozentige Erhöhung der Gesamtsterblichkeit zeigen, allerdings habe in der Vergangenheit schon eine ‚einfache‘ Grippe-Welle deutlich höhere Sterblichkeitsanstiege verursacht.

Die Frage, inwieweit es gerechtfertigt sei, in den Medien exemplarisch schwer verlaufende Einzelfälle emotionsreich darzustellen, ohne Einordnung in das Gesamtspektrum von Krankheit und Tod, bleibt aus Perspektive der EbM umstritten. Es werde auf spezifische Folgeerkrankungen aufmerksam gemacht, darunter äußerst seltene Krankheitsbilder bei Kindern. Für eine sinnvolle Einordnung der Beobachtungen wären jedoch auch hier Vergleiche notwendig, so das EbM-Netzwerk.

Evidenzbasierte Medizin lebe von einer offenen Diskussion kontroverser wissenschaftlicher Ergebnisse. Ein öffentlicher Diskurs ungeklärter Fragen sei wünschenswert. Aktuell würden die Kontroversen aus Sicht des Netzwerks unzureichend in den etablierten Medien aufgegriffen. Die Präsentation der Daten erscheine einseitig, offene Fragen würden nicht angemessen angesprochen, so das EbM-Netzwerk im Fazit seiner Stellungnahme.

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