Befragung: Expertenmangel bremst Wachstum in der Medizintechnik

15.09.2020, Sven C. Preusker
Digital Health, Politik & Wirtschaft

Die vom Deutschen Industrieverband Spectaris und der Unternehmensberatung Kienbaum Consultants International im August veröffentlichte Studie „Digitale Jobs@Medizintechnik“ zeigt laut des Verbands, dass die deutsche Medizintechnik-Industriean einem Scheideweg stehe. Ob Wachstumspotentiale erschlossen würden oder der Fachkräftemangel die Branche ausbremse, entscheide sich am Umgang mit der Digitalisierung. Die Befragung von mehr als 80 Teilnehmern zumeist aus der Geschäftsführung und der Abteilung Human Resources lasse schon heute ein Wachstumshemmnis der Unternehmen aufgrund des Mangels an „digitalen Experten“ erkennen: Die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass ihr Unternehmen um bis zu zehn Prozent wachsen könnte, wenn sich der Bedarf an „digitalen Experten“ ausreichend decken ließe. Lege man den Gesamtumsatz von rund 33,4 Milliarden Euro der Medizintechnik aus dem Vor-Corona-Jahr 2019 zugrunde, dann hätte dieser den Schätzungen zufolge um knapp drei Milliarden Euro höher ausfallen können.

Der Bedarf an Fach- und Führungskräften, die durch ihre Qualifikation die Digitalisierung im Unternehmen voranbringen, steigt laut der Untersuchung zunehmend und könne derzeit bei einem Drittel der befragten Unternehmen nicht vom Arbeitsmarkt gedeckt werden. Die Studie zeige auf, dass der Unternehmenserfolg nachhaltig negativ beeinflusst werde, wenn es nicht gelinge, sich besser auf die bestehenden Herausforderungen mit sich verändernden Berufsbildern und neuen Anforderungen an Fachkräfte einzustellen. Alexander Mischner, Practice Head MedTech/Life Sciences bei Kienbaum, betonte: „Die Unternehmen müssen dringend eingetretene Pfade verlassen, wenn sie ihren Bedarf an digitalen Fachkräften heute und in Zukunft decken wollen. Zum Beispiel wird die Weiterbildung bestehender Mitarbeiter in Punkto digitale Kompetenzen künftig viel stärker in den Fokus rücken müssen, wenn externe Jobmärkte `leergefischt` sind.“

Der Handlungsdruck sei schon heute enorm, denn knapp 70 Prozent der Unternehmen sähen sich nicht gut gerüstet für diese Transformation, obwohl mehr als 85 Prozent der Digitalisierung eine hohe bis sehr hohe Bedeutung für den zukünftigen Unternehmenserfolg zusprechen würden. Mehr als drei Viertel der Studienteilnehmer sehen in der ausreichenden Versorgung mit „digitalen Experten“ einen klaren Wachstumstreiber: Neben der Hälfte der Befragten, die glauben, dass ihr Unternehmen mit größerer digitaler Expertise um bis zu zehn Prozent wachsen könne, glauben über ein Viertel der Befragten in diesem Fall gar an ein Wachstum von bis zu 20 Prozent.

Durch die Digitalisierung könnten – ungeachtet der oft einseitigen öffentlichen Diskussion – neue Arbeitsplätze entstehen: Beinahe die Hälfte der befragten Unternehmen erwartet durch die Digitalisierung insgesamt einen Nettobeschäftigungszuwachs: „Auch das ist einer der Kernbefunde der Studie, der die enormen Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung unterstreicht. Die Job-Perspektive in der Medizintechnik ist hervorragend, die Unternehmen sind durch ihre vielen Berufschancen zu äußerst attraktiven Arbeitgebern geworden. Wenn die Branche diese Stärke ausspielt, wird sie im Kampf um Talente und Fachkräfte bestehen“, prognostizierte Dr. Martin Leonhard, Vorsitzender der Medizintechnik bei Spectaris. 

Die Unternehmen investieren laut des Verbands bereits verstärkt in Employer Branding und in Recruiting. Bisher suchten etwa 85 Prozent der Unternehmen kaum im Ausland nach Mitarbeitern, das würden sie in den kommenden Jahren jedoch ändern. Zwei Drittel der Befragten messen auch dem „lebenslangen Lernen“ und der beruflichen Weiterbildung ihrer jetzigen Mitarbeiter eine mindestens so große Bedeutung zu. Der Stellenwert von Human Resources in den Unternehmen werde sich dadurch weiter erhöhen.

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