Wie kommen wir wieder ins Gleichgewicht?

01.02.2021, Sarah Rondot
Alternsforschung

Gehen und stehen, das ist doch die natürlichste Sache der Welt! So denken wahrscheinlich die meisten. Doch Menschen fällt es zunehmend schwer, sich im Gleichgewicht zu halten. Sie fallen immer öfter hin. Laut einer Studie der WHO sind Stürze nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Ursache für tödliche Unfälle. Außerdem hat sich die Gesamtzahl der tödlichen Stürze zwischen 1990 und 2017 fast verdoppelt (Global Burden of Disease Study 2017). Warum sind wir plötzlich so wackelig auf den Beinen?
Am naheliegendsten könnte man den Anstieg mit dem Altwerden der Babyboomer erklären. Nur wächst die Anzahl der Stürze zu schnell, als dass man sie allein auf die Babyboomer zurückführen könnte. Rein körperlich ist es ein kleines Wunder, dass wir uns auf zwei Beinen fortbewegen. Denn der Rumpf wird durch die Beine nur sehr schlecht ausbalanciert. Außerdem liegt der Schwerpunkt des Körpers weit oben und der umherschwingende Brustkorb und Kopf erschweren die Stabilität zusätzlich. Doch was ermöglicht das Wunder des Gleichgewichts? Ein ausgeklügeltes Gehirn-Körper-Netzwerk ordnet die Informationen ein, die es von Muskeln, Augen und dem Gleichgewichtssinn im Innenohr empfängt, dann steuert es die Muskeln der Beine und des Rumpfes, seine Bewegungen entsprechend anzupassen. Neurowissenschaftler haben noch nicht vollkommen herausgefunden, wie das Gehirn diese unglaubliche Rechenleistung vollbringt. Doch einen erheblichen Anteil leistet das Kleinhirn. Es ist nicht nur für die Kontrolle von Bewegungen zuständig, sondern auch für die Feinabstimmung bei Gefühlen. Die Redensart „Emotional aus dem Gleichgewicht kommen“ ist also gar nicht so weit hergeholt.


Unebener Boden, geschwächte Muskulatur, eine Schwangerschaft oder erhöhter Stress sind nur einige der Faktoren, die uns aus dem Gleichgewicht bringen. Ein geschwächter Gleichgewichtssinn ist schon bei 20-Jährigen zu beobachten und besonders die Millennials sind weniger stabil auf den Beinen. „Ich sehe häufig Menschen mit Mitte 40, die ein schlechteres Gleichgewicht haben als 70- oder 80-Jährige“, sagt Dawn Skelton von der Glasgow Caledonian University. Ursachen sind zu wenig Bewegung und zu viel Sitzen schon in früher Kindheit. Der Körper lernt durch das Hinfallen und Aufstehen, denn so baut er den Gleichgewichtsinn auf, den ein Mensch sein Leben lang braucht. Ein altersbedingter Rückgang der Hirnfunktionen und somit des Gleichgewichts zeige sich erst ab 50 Jahren, so Kognitionswissenschaftlerin Jessica Bernard von der Texas University.


Wenn wir uns zu wenig bewegen, wird das Gleichgewicht von Tag zu Tag schlechter und die Gefahr von Stürzen steigt. Doch dem kann man entgegenwirken, zum Beispiel mit den Ratschlägen des National Health Service: So lange wie möglich mit offenen und geschlossenen Augen auf einem Bein stehen, seitwärts überkreuz gehen oder auf Baumstämmen balancieren. Auch kognitives Training wirkt sich positiv auf das Gleichgewicht aus. Durch regelmäßiges Training von Körper und Geist kann der Prozess der schwindenden Balance verlangsamt und sogar umgekehrt werden.

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