3 Fragen an Ruhestands-Coachin Dr. Katharina Mahne

01.03.2021, Sarah Rondot
Interviews

Frau Mahne, früher ist man einfach in Rente gegangen und hatte mehr Zeit für die Enkelkinder. Heute lässt man sich coachen für diesen ganz normalen Schritt. Brauchen wir immer für alles Coaching? Oder müssen wir uns gar im Alter immer noch selbst optimieren?
Der Übergang in den Ruhestand ist natürlich einerseits ein erwartbarer Schritt im Lebenslauf. Wir alle wissen, dass er irgendwann kommt – das ist ja keine Überraschung. Viele ältere Berufstätige kennen sogar lange vorher schon den genauen Tag.  Wir sprechen beim Übergang in den Ruhestand dennoch von einem „kritischen Lebensereignis“. Diese Erfahrung, nach Jahrzehnten der Berufstätigkeit von einem Tag auf den anderen quasi „draußen“ zu sein, ist alles andere als alltäglich. Oftmals greifen daher auch bekannte und bewährte Bewältigungsstrategien nicht. Aus der Forschung wissen wir, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Menschen Schwierigkeiten hat bei der Anpassung an diese neue Lebensphase. Das sind zu viele, um da keine Hilfsangebote zu machen.
Die Beschäftigung mit den Enkelkindern ist immer noch für Viele etwas, worauf sie sich freuen. Realistischerweise trägt das aber nicht für einen Lebensabschnitt, der durchschnittlich etwa 20 Jahre bereithält. Die Enkel werden größer und gehen dann einfach ihre eigenen Wege. In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder, dass bei den Themen, die meine Klient:innen mitbringen, der Ruhestand an sich schnell nur noch eine Nebenrolle spielt. Es werden eher die großen Lebensthemen angetriggert durch diesen Übergang: Was ist mir wirklich wichtig? Wie gut kann ich für meine Bedürfnisse sorgen? Was darf sich verändern?
Ich sehe den Coaching-Boom selbst an vielen Stellen skeptisch. Dadurch, dass „Coaching“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist und es keine einheitlichen Ausbildungsstandards gibt, kann im Grunde jede:r, die/der sich berufen fühlt, wild drauf los coachen. Natürlich ist inzwischen auch das Alter Ziel von gesellschaftlichen Anrufungen: „Halte Deinen Körper fit!“ „Engagiere Dich für andere!“ und so weiter. Manchen meiner Klient:innen macht es tatsächlich zu schaffen, sich davon abzugrenzen und ihr eigenes Ding zu machen. Aber genau das unterstütze ich mit meiner Arbeit.

Wie läuft ein Ruhestands-Coaching genau ab? Und haben Sie Tipps, wie sich ältere Menschen schon vor dem Rentenalter mit ihren Plänen für den Ruhestand beschäftigen können? Beschäftigen auch Sie selbst sich schon mit Ideen für Ihren eigenen Ruhestand und wie sehen diese aus?
Im Einzelcoaching arbeite ich in meiner Praxis und mit systemischen Methoden. Die eignen sich gut dafür, ganz konkrete Probleme anzugehen, eine neue Perspektive zu entwickeln und eine Lösung zu erarbeiten. Typische Themen sind: Wie will ich meine Nachfolge regeln? Will ich noch länger arbeiten und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Was mache ich mit der ganzen freien Zeit? Wie kann ich es vermeiden, in ein Loch zu fallen? Ich arbeite sehr gerne mit Aufstellungen oder Visualisierungen. Das bringt oft ganz schnell den berühmten Knoten zum Platzen. Im Einzelcoaching gebe ich nie Tipps, das verbietet sich in meinem Ansatz. Es geht vielmehr darum, die Person dabei zu unterstützen, ihre ganz eigene Lösung zu finden. Wie oft eine Person zu mir kommt, entscheidet sich von Sitzung zu Sitzung. In der Regel treffe ich mich drei bis fünf Mal.
In meinen Seminaren zur Vorbereitung auf den Ruhestand gehe ich etwas anders vor. Da biete ich viel Biografiearbeit an, Austausch untereinander, lasse die Teilnehmenden Ziele entwickeln und gebe auch allgemeine Tipps. Die Forschung gibt da ganz gut Aufschluss, was Faktoren sind, die zu einem gelingenden Übergang beitragen können, und was eher Schwierigkeiten macht.

Die fünf wichtigsten Empfehlungen sind aus meiner Erfahrung:
1.    Beschäftigen Sie sich rechtzeitig und aktiv mit dem Übergang in den Ruhestand. Auch mit dem, was Ihnen Angst macht. Beziehen Sie Ihre:n Partner:in ein.
2.    Versuchen Sie, den Übergang möglichst gleitend zu gestalten, z. B. über eine Reduzierung der Arbeitszeit oder einen Minjob zu Beginn des Ruhestands.
3.    Überlegen Sie, welche Aspekte an Ihrer Arbeit so toll sind, dass Sie sie in anderer Form in den Ruhestand hinüberretten wollen (z. B. gemeinsam mit anderen ein konkretes Projekt starten).
4.    Probieren Sie rechtzeitig Neues aus, das verhindert Enttäuschungen.
5.    Wenn es nicht so läuft wie geplant, holen Sie sich Hilfe. Um mit Loriot zu sprechen: Es ist schließlich Ihr erster Ruhestand, Sie üben noch!


Mein eigener Ruhestand ist für mich noch weit weg. Ich habe eher das Gefühl, mit Mitte 40 jetzt so richtig loszulegen. Als Selbstständige kann ich das ja auch gestalten wie ich möchte, es gibt nicht so sehr ein konkretes Datum, an dem ich aufhören muss oder kann. Manchmal beschleicht mich allerdings die Angst, dass ausgerechnet ich als Expertin Schwierigkeiten mit dem Übergang haben werde. 

Wie ist die Resonanz und das Feedback der Teilnehmenden und gibt es Studien über die tatsächlichen Auswirkungen eines Ruhestands-Coachings?
Das Feedback zu meinen Seminaren ist sehr positiv. Manche fühlen sich in ihrem Herangehen an das Thema bestätigt und sind beruhigt. Andere gehen mit einer ganzen Liste an Baustellen raus, die sie in den nächsten Monaten angehen wollen. Was immer als ein großer Gewinn zurückgemeldet wird, ist die Möglichkeit, sich mal ganz in Ruhe dem Thema zu widmen – das geht im stressigen Arbeitsalltag ja kaum. Auch der Austausch mit anderen ist Gold wert. Viele merken, dass sie nicht alleine sind mit ihren Themen und Befürchtungen.
Im Einzelcoaching ist das Ziel natürlich immer, das konkrete Problem zu lösen. Das sind oft fast magische Momente, wenn ich meinen Klient:innen quasi ansehen kann, dass sich im Kopf gerade etwas neu zusammensetzt und eine Erkenntnis kommt.
Generell ist es natürlich so, dass in meinen Seminaren und meiner Praxis diejenigen landen, die das Thema für sich persönlich schon als wichtig erkannt haben. Und das ist die halbe Miete bei der Bewältigung des Übergangs. Ich schätze, dass unter denjenigen, die ich nicht kennenlerne, viele sind, die das Thema ausblenden, weil es Angst macht. Denen könnte ein Coaching oder ein Seminar besonders guttun.
Aus der Forschung wissen wir, dass den Menschen, die planen und sich aktiv vorbereiten, der Übergang besser gelingt. Eine deutsche Studie hat konkret die Auswirkungen eines Vorbereitungsseminares untersucht. Die Teilnehmenden berichteten über  eine Steigerung ihrer persönlichen Ressourcen, sie waren stärker davon überzeugt, den Übergang gut zu bewältigen, sie hatten weniger Angst und weniger negative Erwartungen bezüglich des Ruhestandes.

Dr. Katharina Mahne ist Soziologin, systemische Coachin und Körpertherapeutin. Sie hat bis 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA Berlin) gearbeitet und hat dort zuletzt den Deutschen Alterssurvey geleitet. Seit 2018 ist sie selbstständig und arbeitet als Coachin und Dozentin zu Themen rund um den Ruhestand.


www.mahne-coaching.de

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