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Veranstaltungsbericht

2. Heidelberger Forum Gesundheitsversorgung: Türen durch die Sektoren-Mauern


Von Hans-Bernhard Henkel-Hoving

Das Thema gehört zu den Dauerbaustellen des deutschen Gesundheitswesens: Wie lassen sich die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, zwischen Prävention, Kuration, Reha und Pflege überwinden? Darüber diskutierten auf Einladung des medhochzwei Verlages renommierte Experten auf dem 2. Heidelberger Forum Gesundheitsversorgung.

„Vernetzung und Kooperation im Gesundheitswesen – auf dem Weg in eine sektorübergreifende Versorgung?“ lautete der Titel der Veranstaltung in der Heidelberger Print Media Academy, zu der medhochzwei-Geschäftsführerin Julia Rondot gemeinsam mit Rolf Stuppardt, Herausgeber der „Welt der Krankenversicherung“, und Co-Moderatorin Dr. Annette Mehler rund 90 Gäste begrüßen durfte. Und obwohl das Thema ein „Dauerbrenner“ ist (O-Ton Rondot) – Rolf Stuppardt befasste sich bereits in den 1970er Jahren beruflich damit – hat die Überwindung der Sektorengrenzen bis heute nichts von seiner Aktualität und Bedeutung verloren – im Gegenteil.
Denn wie Dr. Monika Vierheilig vom Stuttgarter Sozialministerium in ihrer Keynote zu Beginn der Veranstaltung am Freitag deutlich machte, ist das Überwinden der „Mauern“ zwischen dem ambulanten und stationären Bereich aus gutem Grund ein „zentrales Anliegen“ der baden-württembergischen Landesregierung. Vor allem ältere, multimorbide und chronisch kranke Patienten drohten trotz aller Bemühungen nach wie vor „im System unterzugehen“. Gerade bei dieser Patientengruppe stocke vielfach der Informationsfluss zwischen Kassen, Ärzten, Kliniken und anderen Leistungserbringen. Die Folge seien unnötige Doppeluntersuchungen oder nicht aufeinander abgestimmte Behandlungsansätze. Nicht zuletzt angesichts des wachsenden Personalmangels sei es darum höchste Zeit, Synergieeffekte durch ein besseres Zusammenspiel der Sektoren zu schaffen und „Türen“ in die sektoralen Mauern einzubauen, so Vierheilig. Die Landesregierung setze dabei unter anderem auf die Förderung von Primärversorgungszentren, die Medizin und Pflege, Prävention und Reha unter einem Dach anbieten sollen. Stuttgart denkt dabei offenbar auch darüber nach, kleine Klinikstandorte in solche Zentren umzuwandeln.
Aufhorchen ließ in Heidelberg ein Vorschlag von DAK-Vorstandschef Andreas Storm, um die in seinen Augen „festungsartige Verbunkerung“ der Sektoren aufzubrechen. Der Kassenmanager plädierte dafür, circa zehn Prozent der sektorspezifischen Leistungsausgaben in ein sektorübergreifendes Budget zu überführen und dieses Geld bis 2025 gezielt in den Aufbau integrierter Versorgungsstrukturen in zwei bis drei Modellregionen zu investieren – entsprechende Einsparungen an anderer Stelle, etwa durch eine Reform der Notfallversorgung, vorausgesetzt. Für die Modellvorhaben komme zum Beispiel die Behandlung von Patienten mit Rückenbeschwerden in Betracht, die mittlerweile knapp zehn Prozent der Leistungsausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung ausmachten.
Prompten Zuspruch für seinen Vorstoß erhielt Storm von Dr. Helmut Hildebrandt von der Optimedis AG. Konkrete Zielvorgaben und Benchmarks zu setzen, sei – anders als in Deutschland – international völlig üblich. So habe etwa Präsident Obama seine Gesundheitsreform von Anfang an mit dem Ziel verknüpft, nach einem bestimmten Zeitraum die Hälfte aller Honorare und Vergütungen mit dem Erreichen von Erfolgskennzahlen zu verknüpfen. Auch für Deutschland kann sich Hildebrandt ein solches „Belohnungsbudget“ vorstellen – allerdings für Krankenkassen, die bestimmte gesundheitspolitische Ziele für ihre Versicherten – etwa eine sektorenübergreifende Versorgung – erreichen.
Verkrustete Strukturen ließen sich zudem durch Gesundheitskonferenzen auf Landkreisebene aufbrechen. Nach den Vorstellungen des Optimedis-Chefs sollen diese Konferenzen auf der Basis von regionalen Versorgungsdaten bedarfsgerechte Konzepte entwickeln und bei den Krankenkassen mit der Bitte um Feedback einreichen dürfen. Die Kassen könnten diese Konzepte dann umsetzen, müssten es aber nicht. Hildebrandt: „Aber sie sollten immer begründen müssen, warum sie es nicht tun.“
Dass die bessere Verzahnung der Versorgung und ein guter Informationsfluss auch die private Krankenversicherung beschäftigt, verdeutlichte Klaus-Dieter Dombke von der AXA Konzern AG: „Wir wollen nicht nur Payer sein.“ Für ihre 1,7 Millionen Kunden – davon etwa die Hälfte Vollversicherte – hat die AXA in Kooperation mit der CompuGroup Medical seit Mai 2016 das Portal „Meine Gesundheit“ aufgebaut. Über die Website können AXA-Kunden nicht nur Online ihre Rechnungen einreichen, sondern auch eine persönliche Gesundheitsakte anlegen. Zu den Funktionalitäten der Akte gehört unter anderem ein Check der verordneten Arzneimittel auf Wechselwirkungen. Mittlerweile verzeichnet das Portal etwa 110.000 registrierte Nutzer, die Kunden der AXA und von vier weiteren PKV-Unternehmen sind. Zudem sind rund 9.000 Ärzte an das Portal angebunden.
Dass die Digitalisierung ein „Game-Changer“ bei der Überwindung der Sektorengrenzen sein kann, wie TK-Vorstandsvize Thomas Ballast es ausdrückte, machte Silver Mikk vom estnischen Startup-Unternehmen „Dermtest“ deutlich. Die kleine baltische Republik mit circa 1,3 Millionen Einwohnern hat seit der Unabhängigkeit von Russland konsequent auf die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und des Gesundheitswesens gesetzt. Ob Arbeitsverträge, Steuererklärung oder Führerscheinanträge – von wenigen Ausnahmen abgesehen können Esten alle Unterschriften mit ihrem elektronischen Personalausweis leisten.
Seit etwa 15 Jahren verfolgen die Esten darüber hinaus eine konsequente E-Health-Strategie im Gesundheitswesen. So verfügen alle Einwohner über eine elektronische Patientenakte, lösen Arzneimittelrezepte nur noch elektronisch ein und können im Notfall sicher sein, dass in den mit Tablet-Computern ausgestatteten Rettungswagen der persönliche Notfall-Datensatz in digitaler Form vorliegt.
Doch die Esten sind ehrgeizig. „Wir wollen eine Seamless Society werden“, stellte Mikk fest. Eine solche „nahtlose Gesellschaft“ wartet in Gestalt des Staates nicht mehr darauf, bis junge Eltern das Kindergeld beantragt haben. Vielmehr meldet sich künftig die öffentliche Verwaltung aufgrund der proaktiven Haltung des Staates von sich aus bei den Erzeugern des jungen Erdenbürgers, gratuliert zur Geburt und überweist das Kindergeld. Dass bei so viel praktischer Effizienz der Aufbau der E-Health-Strukturen bislang nur rund 22 Millionen Euro gekostet hat, kann eigentlich nicht erstaunen.
Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte schilderte in Heidelberg nicht nur Alexander Fröhlich, der bei Abbott unter anderem für Freestyle Libre verantwortlich zeichnet, das via Hautscan die Messung des Blutzuckerwertes bei Diabetikern ermöglicht und mithilfe von Satzungsregelungen und Einzelverträgen bundesweit sektorübergreifend im Einsatz ist. Erfolgreich über Sektorengrenzen hinweg etabliert hat sich ebenso die Uniklinik Heidelberg, die mit zahlreichen kleineren Häusern und Arztpraxen in der Region kooperiert und sich so auf die Behandlung medizinisch anspruchsvoller Fälle konzentrieren kann, wie die stellvertretende Vorstandschefin Irmtraut Gürkan erläuterte.
Während Dr. Christopher Hermann von der AOK Baden-Württemberg („Zentralistische Vorgaben aus Berlin helfen den Akteuren vor Ort nicht weiter“), Biggi Bender von den Ersatzkassen („Manchmal fehlen schlicht die Rechtsgrundlagen“), Dr. Norbert Metke von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg („Ich bin ein großer Fan von Patientensteuerung“) und Patientenvertreter Dr. Martin Danner („Mit dem Innovationsfonds evaluieren wir Versorgungskonzepte“) unter der Leitung von Prof. Dr. Herbert Rebscher engagiert über Möglichkeiten diskutierten, wie sich die Sektorengrenzen zumindest etwas durchlässiger gestalten lassen, brach Andreas Westerfellhaus auf dem Heidelberger Forum eine Lanze für die Pflege. Wer Sektorengrenzen überwinden wolle, komme an der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen nicht vorbei, stellte der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung klar. Die Pflege könne und wolle mehr Verantwortung in der Versorgung von Patienten übernehmen. Konkurrenz brauche die Ärzteschaft angesichts des gravierenden Personalmangels dabei nicht zu fürchten, so Westerfellhaus.

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