3 Fragen an Dr. Dipl. Psych. Alexandra Wuttke-Linnemann

01.07.2021, Sarah Rondot
Interviews, Demenz

Frau Wuttke-Linnemann, Sie sind Dozentin bei den kostenlosen Online-Seminaren des medhochzwei Verlags „Mit Demenz umgehen – Grundlagen, Kommunikation, Hören & Selbstfürsorge“. Ihr Schwerpunkt in den Seminaren ist unter anderem die Kommunikation mit Menschen mit Demenz. Gibt es einen Ratschlag vorab, was bei der Kommunikation mit Menschen mit Demenz ein Leitfaden sein kann?

Die Kommunikation mit Menschen mit Demenz erfordert in der Tat einige Anpassungen, die vor allem das Umfeld leisten muss. Die wohl zentralste ist der Verzicht auf das Korrigieren. Wir beobachten in der Praxis häufig einen Kommunikationsstil zwischen pflegenden Angehörigen und Menschen mit Demenz, der auf einem Richtig-Falsch-Verständnis beruht. Das heißt, pflegende Angehörige tendieren aus Sorge um die Gesundheit des Menschen mit Demenz heraus dazu, diese auf ihre Fehler anzusprechen und zu korrigieren. Zum Beispiel: „Du hast vergessen, dass …“. Dies hat einen negativen Einfluss auf das weitere Gespräch. Es kommt häufig zu Eskalationen und Diskussionen. Menschen mit Demenz ziehen sich dadurch oft zurück, da sie sich ertappt fühlen und befürchten, mit ihren Defiziten weiter entdeckt zu werden. Als Gegenmodell zu dieser Art der Kommunikation möchten wir Alternativen im Seminar vorstellen. Das Motto lautet dabei: Validieren statt Korrigieren! Durch einen validierenden, das heißt wertschätzenden, Kommunikationsstil können solche Gesprächssituationen entschärft werden. Angehörige lernen dabei, statt auf Richtig-Falsch zu achten, auf die zugrundeliegenden Bedürfnisse und Emotionen des Menschen mit Demenz einzugehen.
    

 

In der Ankündigung der Seminare wird erwähnt, dass es Filmsequenzen zu Alltagsszenen im Umgang mit Menschen mit Demenz gibt. Wie kann ich mir diese vorstellen? Kann man solche Szenen wirklich spielen lassen?

Wir wollen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern neben theoretischem Wissen vor allem praktische Einblicke ermöglichen. Gerade bei dem Thema Kommunikation ist es uns wichtig, die verschiedenen Gesprächstechniken zu gegenüberzustellen und an ganz alltäglichen Situationen zu verdeutlichen, wie unterschiedlich Gespräche verlaufen können, je nachdem ob man konfrontierend oder validierend kommuniziert. Wir möchten Ängste nehmen: Viele Betroffene fürchten eine Demenzdiagnose und vermeiden die entsprechende Diagnostik. Auch professionell Pflegende sind manchmal unsicher, wie man das Thema Demenz ansprechen kann. Durch Einblicke in Arzt-Patient-Interaktionen möchten wir hier aufklären und aufzeigen, wie solche Gespräche geführt werden können. Wir haben uns daher entschieden, Szenen, die uns immer wieder begegnen, mit entsprechend geschulten Patientenschauspielern nachzustellen und aufzuzeichnen. So können wir die Ressourcen von Betroffenen schonen und trotzdem authentische Einblicke vermitteln.

 

Viele pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz trauen sich nicht, Unterstützungsmöglichkeiten oder auch psychotherapeutische Beratung in Anspruch zu nehmen. Sie sind Leiterin des Zentrums für psychische Gesundheit im Alter in Mainz. Warum würden Sie sagen, ist es wichtig, sich im Umgang mit einer Demenz auch psychotherapeutisch begleiten zu lassen?

Pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz werden häufig als unsichtbare, zweite Patienten beschrieben. Sie leisten einen Großteil der Pflege und stellen dazu ihre Bedürfnisse häufig komplett zurück. Damit laufen sie Gefahr, selbst körperlich und/oder psychisch zu erkranken. Schätzungen zu Folge, weist etwa ein Viertel der pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz eine Depression auf. Genau für diese Menschen ist es wichtig, auch an sich zu denken und durch Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten Entlastung für sich zu erfahren. Häufig gestehen sich dies pflegende Angehörige aber nicht ein oder wissen nicht, wie sie die Zeit für sich finden sollen, weil die Pflege des Menschen mit Demenz im Vordergrund steht und Priorität hat. Eine Psychotherapie kann genau hier helfen, nicht-hilfreiche Gedankenmuster zu hinterfragen und Wege zu finden, wie positive Aktivitäten und Selbstfürsorge in den Alltag integriert werden können.

 

Dr. Dipl. Psych. Alexandra Wuttke-Linnemann ist Leiterin des Zentrum für psychische Gesundheit im Alter (ZpGA) in Mainz. Sie ist im Juli Dozentin bei den kostenlosen Online-Seminaren für Angehörige und Pflegende „Mit Demenz umgehen – Grundlagen, Kommunikation, Hören, Selbstfürsorge“. Am 29. Juli spricht Wuttke-Linnemann im Seminar über Kommunikation mit Menschen mit Demenz. Hier gibt die Psychologin einen kleinen Einblick in den Umgang auf Augenhöhe.

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