Interview Prof. Dr. Boris Augurzky: Es braucht mehr Gestaltungsfreiheit

17.11.2021, Sven C. Preusker
Hintergrund, Interviews, Politik & Wirtschaft

Prof. Dr. Boris Augurzky ist promovierter Volkswirt und unter anderem Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am RWI. Gerade ist er mit dem Zukunftspreis des Verbandes der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands ausgezeichnet worden.

medhochzwei: Prof. Augurzky, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung mit dem Zukunftspreis des Verbandes der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands! Zukunft ist ein gutes Stichwort – über die der Gesundheitsversorgungslandschaft in Deutschland wird viel diskutiert, und Sie sind eine wichtige Stimme in Gesprächen dazu. Was muss eine neue Regierungskoalition als Erstes auf den Weg bringen, um nachhaltige Verbesserungen hin zu einer erreichbaren, aber auch finanzierbaren Versorgung zu bewirken?

Prof. Dr. Boris Augurzky: Die größte Herausforderung in diesem Jahrzehnt ist der stark wachsende Fachkräftemangel in der gesamten Volkswirtschaft im Allgemeinen und in der Gesundheitswirtschaft im Besonderen. Die neue Regierungskoalition muss daher bestehende Effizienzpotenziale in der Gesundheitswirtschaft realisieren, um Rationierung von Leistungen wegen Personalmangels zu vermeiden. Dazu braucht es mehr Gestaltungsfreiheit, um neue Versorgungsmodelle erproben zu können, vor allem im Bereich einer sektorenübergreifenden Versorgung und damit zusammenhängend eine verstärkte Ambulantisierung der Medizin. Dies erfordert Anpassungen an den Vergütungssystemen und an der Versorgungsplanung. Auch braucht es eine stärkere Schwerpunktbildung sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Telemedizin kann dabei helfen, Distanzen zu überbrücken.

medhochzwei: Im Sondierungspapier der möglichen Koalitionäre SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP heißt es unter anderem, man wolle das System der Fallpauschalen zur Krankenhausfinanzierung weiterentwickeln und in Hinblick auf Sektoren wie Geburtshilfe und Notfallversorgung sowie Kinder- und Jugendmedizin anpassen – ist das die richtige Richtung oder eher problematisch ¬– Sie halten ja z.B. die erfolgte Ausgliederung der Pflegekosten aus den DRG für einen Fehler?

Prof. Dr. Boris Augurzky: Es ist richtig, das DRG-System weiterzuentwickeln. Eine Überlegung geht hin zu einer ergänzenden Finanzierung von Vorhaltekosten durch Herauslösen eines Teils des DRG-Erlösvolumens. Regionale Vorhaltebudgets könnten dann für ausgewählte Leistungssegmente, die wohnortnah erbracht werden sollen, zur Verfügung gestellt werden, darunter für eine Geburtshilfe oder für eine Kinder- und Jugendmedizin in einer Versorgungsregion. Ein solches System von regionalen Vorhaltebudgets kombiniert mit Residual-DRGs sollte jedoch aus einem Guss sein. Sonderlösungen für einzelne Versorgungssegmente, die gerade in der aktuellen Diskussion stehen, im Sinne von schneller oberflächlicher Reparatur, sollten vermieden werden. Wichtig sind nachhaltige Vergütungssysteme, die möglichst dauerhafte Lösungen bieten, statt nur eines Herumdokterns. Denn es braucht auch wieder mehr Planungssicherheit für die Akteure im Gesundheitswesen.

medhochzwei: Viele sehen ja die Corona-Pandemie als einen Treiber der Digitalisierung, gerade im Gesundheitswesen. Wie schätzen Sie die Auswirkungen im Gesundheitswesen ein?

Prof. Dr. Boris Augurzky: Die Digitalisierung wird sicherlich ein sehr wichtiges und dominantes Thema der neuen Regierungskoalition werden. Wir haben noch alle im Gedächtnis, wie das in der Pandemie lief – wie lange wir gebraucht haben, um die Corona-Warn-App zu etablieren, wie wir plötzlich – wie selbstverständlich – telemedizinische Angebote genutzt haben. Damit sind wir im Denken schon einen großen Schritt weitergekommen. Bis vor kurzem Undenkbares wird jetzt denkbar. Für die anstehenden Herausforderungen brauchen eine solche Einstellung. Insofern hat uns Corona hier einen Schub gegeben. 

medhochzwei: Wenn man auf die aktuelle Corona-Politik schaut – wie schätzen Sie da die Chancen auf eine durchdachte, zukunftsgewandte Gesundheitspolitik einer möglichen Ampel-Koalition ein?

Prof. Dr. Boris Augurzky: Mittelmäßig. Denn was wir gesehen haben bei der Corona-Politik: Sie wies oft einen kurzfristigen Horizont auf, meist reaktiv. Erst wenn die Not groß ist, wird gehandelt. Wenn dies auch bei den anderen Baustellen im Gesundheitswesen so ist, werden wir erst einmal die Not hautnah erfahren müssen. Das wäre schade, aber immerhin wird spätestens dann irgendwann gehandelt. Aber wir haben ja bald ganz neue Leute in der Regierung. Da will ich jetzt mal optimistisch sein, dass sie längere Zeithorizonte im Blick haben als nur vier Jahre. Beim Thema Klimawandel klappt dies ja schon. 

medhochzwei: Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft – was hat sich bis zur nächsten Bundestagswahl gesundheitspolitisch getan, wie sieht die Versorgungslandschaft grob umrissen aus?

Prof. Dr. Boris Augurzky: Ich denke wir werden im Jahr 2025 einige Pilotregionen haben, die eine patientenorientierte, sektorenübergreifende Versorgung erproben. Denn es gibt Regionen in Deutschland, wo schon deutlich vor 2025 die Personalressourcen so knapp werden, dass sie früher handeln müssen als andere. Wir werden auch bei der elektronischen Krankenakte einen Schritt vorangekommen sein, auch wenn man vielleicht nicht alles erreicht, was wir uns derzeit wünschen.

medhochzwei: Vielen Dank für das Gespräch!

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