BMC liefert Vorschläge für eine praxisorientierte Einführung von Gesundheitslotsen

25.01.2023, Sven C. Preusker
Hintergrund, Case Management, Versorgungskonzepte, Campus & Karriere

Der Bundesverband Managed Care (BMC) möchte mit einem kürzlich veröffentlichten Positionspapier die Verankerung von Gesundheitslotsen in der Regelversorgung unterstützen. Viele Patientinnen und Patienten mit komplexem Versorgungsbedarf würden sich im Gesundheitssystem nicht eigenständig zurechtfinden, so der Verband. Auch aufgrund der zunehmenden Alterung der Gesellschaft, der damit verbundenen Multimorbidität sowie der Spezialisierung der Medizin steige im Zuge des medizinisch-technischen Fortschritts der Bedarf an Koordination, Kommunikation und vernetzter Zusammenarbeit. Gesundheitslotsen seien vielfach erprobt, könnten als Wegbegleiter Abhilfe schaffen und so die Versorgung verbessern – trotzdem seien sie bislang nicht in der Regelversorgung verankert. Die Ampel-Koalition habe das erkannt und sich im Koalitionsvertrag für eine Regelleistung ausgesprochen. Man habe die Modellprojekte gezielt vernetzt, so der BMC, und basierend auf den Praxisberichten ein Konzept erstellt, mit dem die Umsetzung gelingen könne.

„Gesundheitslotsen unterstützen und befähigen Patientinnen und Patienten unabhängig, überwinden sprachliche Barrieren, organisieren Termine und helfen, benötigte Leistungen auch zu erhalten, kurzum: sie kümmern sich!“ fasst Prof. Dr. Lutz Hager, BMC-Vorstandsvorsitzender die Vorzüge von Lotsen zusammen. „Wir dürfen vermeidbare Krankenhausaufenthalte, Versorgungsbrüche zwischen medizinischer, pflegerischer und rehabilitativer Versorgung und fehlende Abstimmung von Gesundheits- uns Sozialleistungen nicht hinnehmen“, fordert Hager.

Der Verband hat in einer Umfrage herausgefunden, dass Lotsen vielfältige Aufgaben übernehmen. Ausgehend vom Case-Management-Regelkreis informieren sie demnach Patientinnen und Patienten zu Leistungen mehrerer Sozialgesetzbücher, unterstützen bei der Inanspruchnahme von Leistungen, koordinieren Maßnahmen und erstellen individuelle Hilfepläne. Zudem vernetzen sie systematisch regionale Leistungserbringende, um die optimale Versorgung sicherzustellen, so der BMC. Selbst würden Lotsen jedoch keine Versorgungstätigkeiten übernehmen, sofern sie nicht über eine pflegerische Ausbildung z. B. zur Gemeindeschwester oder Community Health Nurse verfügen. Ihre Aufgaben erforderten ein hohes Maß an Kommunikation, Koordination und Vernetzung. Hierfür würden digitale Technologien benötigt, mit denen die Zusammenarbeit und ein Datenaustausch in regionalen Versorgungsnetzen gelingt, so der BMC.

Der BMC plädiert für einen Mindestleistungsumfang als Voraussetzung für die Verordnungsfähigkeit von Gesundheitslotsen, mit dem die Qualität des Care- und Case-Managements sichergestellt wird. Je nach individuellem (z. B. indikationsspezifischem) Versorgungsbedarf können die Mindestleistungen ergänzt werden. Der vorgeschlagene Mindestleistungsumfang richtet sich nach dem Case-Management-Regelkreis. Er umfasst insbesondere ein durch die Lotsen durchzuführendes strukturiertes Eingangsassessment mit indikationsspezifischen validierten Assessmentinstrumenten, eine Analyse des individuellen Versorgungs- und Unterstützungsbedarfs in Abstimmung mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegefachpersonen, die Erstellung eines individuellen Maßnahmen- und Hilfeplans unter Einbeziehung der jeweiligen Patientenbedürfnisse und -motive sowie der jeweiligen Sozialsituation, die Aufklärung, Beratung und Unterstützung von Patientinnen und Patienten bei der Umsetzung des Maßnahmenplans und Inanspruchnahme von Leistungen nach dem SGB, die Koordinierung der für die Maßnahmen benötigten Leistungserbringenden, das regelmäßige Monitoring von Maßnahmen zum Einhalten des Behandlungsplans sowie ein standardisiertes, möglichst digitales Reporting an die behandelnden Ärztinnen und Ärzte bzw. an das multiprofessionelle Versorgungsteam.

Die Qualifikation der Lotsen solle sich an den Curricula für Case- und Care-Management anlehnen, schlägt der BMC vor. Wer eine Weiterbildung zum Gesundheitslotsen anstrebe, solle über eine abgeschlossene medizinische, therapeutische, pflegerische oder soziale Grundqualifikation sowie einschlägige Berufserfahrung entsprechend des einzusetzenden Tätigkeitsfeldes verfügen. Weitere Details zu den Voraussetzungen und den vorgeschlagenen Weiterbildungsinhalten finden sich im BMC-Papier, das hier heruntergeladen werden kann.

Maßgeblich für die organisatorische und rechtliche Verankerung von Gesundheitslotsen sei, dass diese Kenntnis und Zugang zu Versorgungsnetzwerken vor Ort erhalten, schreiben die Autorinnen und Autoren des Papiers. Sie sollen unabhängig von bestehenden Leistungserbringenden in verschiedenen Einrichtungen tätig sein können, wenngleich sie im Rahmen der Netzwerkarbeit (Care Management) intensiv in die Versorgungsprozesse eingebunden wären.

Patientinnen und Patienten müsse diese neue Unterstützungsform niedrigschwellig zur Verfügung gestellt werden, sofern diese die Kriterien für einen komplexen Versorgungsbedarf erfüllen – unabhängig davon, ob sie im ländlichen oder städtischen Raum leben, so der Verband. Daher befürwortet der BMC den Weg über eine ärztliche Verordnung von Gesundheitslotsen-Leistungen. Das schließe ausdrücklich nicht aus, dass auch andere Akteure, wie z. B. Krankenkassen Lotsen vermitteln. Im Gegenteil: Der dort vorliegende Fundus an Routinedaten, aus dem eine Notwendigkeit für Lotsenleistungen ersichtlich werden könne, sollte genutzt werden, um systematisch nach Unterstützungsbedarfen zu suchen und gezielt Angebote zu unterbreiten, so die Autorinnen und Autoren.

Hager verwies besonders auf die positiven Praxiserfahrungen, die es mit Gesundheitslotsen bereits gibt: „47 Modellprojekte mit über 75.000 Patienten im Innovationsfonds, in Selektivverträgen und anderen Förderprogrammen haben gezeigt, dass Lotsen zum Behandlungserfolg beitragen, die Zufriedenheit aller Beteiligten steigern und z. B. durch seltenere Krankenhauseinweisungen sogar Kosten sparen können. Nun ist es Zeit für den Durchbruch dieser Erkenntnisse in die Regelversorgung.“ Dass die Ampel-Parteien sich dafür ausgesprochen haben, sei ausgesprochen erfreulich, so Hager. „Jetzt muss die Ankündigung im Koalitionsvertrag umgesetzt werden. Dafür liefern wir konkrete, praxisorientierte Vorschläge.“ Das BMC-Positionspapier „Gesundheitslotsen – Wegbegleiter für eine bessere Versorgung“ steht hier zum Download bereit.

Auch im medhochzwei Verlag gibt es zwei Titel, die sich mit der Thematik beschäftigen – einmal das „Handbuch Schlaganfall-Lotsen“, außerdem den Titel „Professionelle Unterstützung von Familien mit einem krebskranken Elternteil – Aufsuchendes Care und Case Management mit Familien-SCOUT“.

 

Dieser Beitrag stammt aus dem medhochzwei Newsletter 02-2023. Abonnieren Sie hier kostenlos, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!

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