Videosprechstunde: Beschlussentwurf des Bewertungsausschusses provoziert scharfe Kritik

22.02.2017, Sven C. Preusker
Politik & Wirtschaft

Der Bewertungsausschuss der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen hat einen Beschlussentwurf für die Vergütung der Videosprechstunde, die ab Juli 2017 in den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) aufgenommen werden soll, vorgelegt. Voraussetzung für die Durchführung der Behandlung per Video ist laut Entwurf immer ein vorausgehender persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt – die ausschließliche Fernbehandlung per Video würde also ausgeschlossen bleiben. Demnach soll die Videosprechstunde mit 137 Punkten bewertet werden und so zu einem Erlös von 14,43 Euro führen. Gleichzeitig soll ein Punktwertvolumen je Arztpraxis von 2393 Punkten im Quartal gebildet werden, unabhängig von der Zahl der in der Praxis tätigen Ärzte. Das würde bedeuten, das eine Praxis im Quartal 17,5 Videosprechstunden abrechnen könnte. Von Seiten des Bundesverbands Internetmedizin (BIM) heißt es, diese Rationierung der Online-Videosprechstunden bedeute rein rechnerisch, dass jährlich in Deutschland etwas mehr als 5 Millionen vergütete Videosprechstunden durchgeführt werden könnten. Angesichts von jährlich ca. 600 Millionen Arztkontakten scheine man im Bewertungsausschuss von einem Substitutionspotenzial von weniger als einem Prozent ausgegangen zu sein. Anders ausgedrückt, so der BIM, dürfte ein Patient jeden hundertsten Arztkontakt online durchführen. Ausgehend von durchschnittlich neun Arztkontakten im Jahr würde ein Patient so statistisch gesehen ca. alle elf Jahre die Möglichkeit einer Online-Videosprechstunde bekommen. 
Gleichzeitig sei bekannt, dass jeder zweite Patient die Online-Videosprechstunde nutzen würde. Das sei bereits 2015 aus einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann Stiftung hervorgegangen, so der Verband. Damit zeige sich, dass der Beschlussentwurf sowohl an der Versorgungsrealität als auch maximal an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten vorbeigehe. Die Chance, durch die breite Anwendung der Videosprechstunde solchen Patientinnen und Patienten, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, eine adäquate Versorgung anzubieten, werde verpasst. Auch die Möglichkeit, Patientinnen und Patienten mit Infektionskrankheiten online und somit ohne die Gefährdung der Infektionsübertragung im Wartezimmer zu behandeln, werde weitestgehend ignoriert.
Nach Ansicht des BIM steht die Bewertung der Online-Videosprechstunde, die gegenüber der telefonischen Beratung lediglich um den Faktor 1,6 höher liegt, auch in keiner sinnvollen Relation zu der ärztlichen Leistung, die im Rahmen einer Videosprechstunde erbracht wird. Heutige und künftige Möglichkeiten der Medizintechnik – insbesondere auf dem Gebiet der Sensorik – würden dazu führen, dass Untersuchungen wie z. B. die Messung der Herz- und Lungenfunktion online unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt und befundet werden könnten. In der jetzt angedachten Bewertung der Online-Videosprechstunde lasse sich nicht ablesen, dass diese Entwicklung hinreichend berücksichtigt werde. Die absehbare Gleichstellung von konventioneller und digital unterstützter Sprechstunde müsse in einer adäquat höheren Vergütung abgebildet werden, so die Forderung des BIM. 
„Die Beschlussfassung zeugt einmal mehr von der Digital-Phobie des Deutschen Gesundheitswesens“, so Dr. Markus Müschenich, Vorstand des BIM e.V. „Die künstliche und unnötige Verknappung der Online-Sprechstunde erinnert an frühere Zeiten, als für Online-Shops Ladenschlusszeiten gefordert wurden, um digitale Prozess-Innovationen aktiv auszubremsen“, resümiert Müschenich.
Der BIM fordert, dass die Vergütung der Online-Videosprechstunde angemessen erhöht wird und sich in der Tendenz den medizintechnischen Entwicklungen und dem Patientenwillen anschließt. Die Vergütung müsse sich am konventionellen Arztbesuch orientieren. Schon heute könne die Online-Videosprechstunde diesen in erheblichem Umfang ergänzen und in der Zukunft in vielen Anwendungsfällen auch ersetzen, heißt es vom Verband.
Auch der Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) kritisierte den Beschlussentwurf scharf. Durch die „stramme Budgetierung“, so der Berufsverband, könne „in vielen Arztpraxen nicht einmal jede Woche auch nur ein Video-Sprechstundentermin pro Arzt angeboten werden". Zur Bewertung der Leistung heißt es vom BVDD, diese liege erheblich unter dem kalkulierten Ansatz des zwischen BVDD und Techniker Krankenkasse (TK) vereinbarten und bereits laufenden Selektivvertrags zur Erprobung der Online-Videosprechstunden für Haut-Patienten. Die Pläne für die Bewertung der Videosprechstunde zur Einführung in den EBM zum 1. Juli 2017 seien ein Schlag ins Gesicht der – vor allem auf dem Lande wegen Ärztemangel – unterversorgten Patienten und enttäusche auf Ärzteseite alle, die sich für eine flächendeckende Nutzung neuer Medien in der Patientenversorgung einsetzten. An die Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung im Bewertungsausschuss appelliert der BVDD, der vorliegenden Beschlussvorlage in dieser Form nicht zuzustimmen, sondern die Bewertung in der Höhe an den Selektivvertrag BVDD/TK anzupassen und jede Art der praxisbezogenen Budgetierung für diese Leistung zu streichen.

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