Disput über Innovationskraft von Arzneimitteln: Ökonomie von allen Seiten im Fokus

09.10.2017, Welt der Krankenversicherung
Krankenversicherung


In schöner Regelmäßigkeit werfen sich Krankenkassen und Industrieverbände in Sachen Arzneimittelversorgung gegenseitig Defizite vor. Als Patienten und Versicherte, denen Monat für Monat mindestens 15 Prozent von Lohn und Gehalt dafür einbehalten wird, mag man das schon gar nicht mehr hören. So neuerdings wieder im Zuge der Vorstellung und öffentlichen Diskussion des TK-Innovationsreports. Danach steige das Preisniveau für neue Arzneimittel sprunghaft an, während Innovationskraft und Nutzen dem nicht gerecht würden, so die TK. Zum ersten Mal gab das Ampel-Bewertungsschema für die 32 untersuchten Wirkstoffe des Jahres 2014 keine einzige „grüne Gesamtampel“. 17 von ihnen wurden mit „gelb“ bewertet, 15 mit „rot“. Fazit von Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK: „Auch wenn es in einigen Bereichen Fortschritte gab, zeigt uns die Gesamtbewertung, dass die Industrie zu sehr darauf bedacht ist, hohe Preise einzufordern, statt wirklich innovative Arzneimittel zu entwickeln.“ Bereits im letzten Jahr hatte die TK von einer Verdoppelung der durchschnittlichen Preise für neue Arzneimittel berichtet. Im Gegenzug fand es Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des vfa, unverantwortlich, dass Krankenkassen alle Innovationen klein reden würden. So stiegen über Jahre hinweg die Überlebensraten bei vielen Krebsarten dank innovativer Arzneimittelversorgung deutlich an. Sie kritisierte außerdem die Methodik des Reports, der die Innovationszyklen nicht erfasse. Auch der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) unterstellte dem TK-Innovationsreport alleinige Intention zur Kostenreduktion. Mit Blick darauf rechnete der BPI zugleich vor, dass der Anteil der Ausgaben der Krankenkassen für Arzneimittel seit Jahrzehnten konstant bei unter 10 Prozent mit rückläufiger Tendenz liegen würde. Alle Patienten würden mit dem Ampelsystem über einen Kamm geschert und der TK scheint es sprichwörtlich Jacke wie Hose zu sein, dass ihre Kunden individuellen Behandlungsbedarf haben würden. In dem Ampelsystem sieht der BPI eine rein ökonomisch motivierte Versorgungssteuerung. TK-Chef Jens Baas forderte denn auch, die Politik müsse gleich zu Beginn der neuen Legislaturperiode Nägel mit Köpfen machen und weitere kostendämpfende Maßnahmen ergreifen. Alles in allem: Beide Interessengruppen sind tendenziell ökonomisch motiviert, die einen verteidigen die Preise, die anderen beklagen die Kosten. Eine differenzierte und fundierte Nutzenbetrachtung, die den Endverbraucher interessieren würde, wird bei beiden Seiten leider vermisst.

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